Wirtschaft

„Die Lage ist besser als die Stimmung“

„Die Lage ist besser als die Stimmung“

Seit Jahren kommen nur Hiobsbotschaften aus der deutschen Wirtschaft, und vor allem aus der Industrie. Vor diesem Hintergrund ist Misstrauen die natürliche Reaktion, wenn plötzlich vermehrt positive Stimmen zu vernehmen sind. Unweigerlich stellt sich die Frage: Ist das nur frommes Wunschdenken, oder steckt doch mehr dahinter?

Tatsächlich mehren sich inzwischen die positiven Daten. Am Donnerstag vermeldete das Statistische Bundesamt überraschend gute Zahlen aus der deutschen Industrie. Wenige Tage zuvor war bekannt geworden, dass die deutsche Wirtschaft im ersten Halbjahr gewachsen ist, trotz des Iran-Konflikts und der hohen Energiepreise. Gleichzeitig verbessern sich die Unternehmensumfragen, und auch andere Frühindikatoren deuten auf eine Wende zum Besseren hin.

Im verarbeitenden Gewerbe sind die Auftragseingänge im Juni überraschend um 3,1 Prozent gestiegen – Ökonomen hatten nur mit einem Plus von ⁠0,3 Prozent gerechnet. Zwar lag dies auch an einigen Großaufträgen, und rechnet man diese heraus, bleibt am Ende sogar ein Minus. Doch die Aufträge sind ja nun mal da.

„Die guten Auftragseingänge legen die Grundlage für eine mittelfristige Produktionsausweitung“, sagt daher Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank. Und er legt sogar noch eins drauf: „Die deutsche Wirtschaft hat damit die Trendwende vollzogen und dürfte auf Sicht der kommenden Jahre wieder höhere Wachstumszahlen ausweisen.“

Ganz so weit will Marc Schattenberg, Volkswirt bei der Deutschen Bank, noch nicht gehen. Aber auch er sieht Positives. „Unter dem Strich ist der kräftige Anstieg der inländischen Aufträge im Juni um knapp acht Prozent im Vormonatsvergleich besonders ermutigend“, sagt er. „Das sind auf mittlere Sicht gute Voraussetzungen für eine weitere Erholung der Industrieproduktion.“

Das gilt umso mehr, als sich diese positive Nachricht in eine Reihe verbesserter Daten einreiht. So war beispielsweise der Einkaufsmanagerindex des verarbeitenden Gewerbes in Deutschland nach Beginn des Iran-Krieges abgestürzt, hat sich inzwischen aber wieder vollständig erholt und lag zuletzt wieder über 50 Punkten – dieser Wert gilt als die Schwelle zwischen Rezession und Wachstum.

„Besonders bemerkenswert ist dabei die Verbesserung der Auftragskomponente, die häufig als einer der zuverlässigsten Frühindikatoren für die industrielle Aktivität gilt“, sagt Stefan Hoops, Chef der Investmentgesellschaft DWS. Auch der ifo-Index hat sich in den vergangenen Monaten stabilisiert, und dies vor allem, weil die Erwartungen der Unternehmen wieder optimistischer ausfallen.

Auch Europas Wirtschaft erholt sich

Hinzu kommt, dass auch die europäischen Konjunkturdaten nach oben zeigen. Dies zeigt der ebenfalls am Donnerstag veröffentlichte Euro-Indikator der DZ Bank, der diverse Daten zusammenfasst. Er stieg um 0,5 Prozent auf 98,3 Punkte. „Bemerkenswert ist dabei weniger die Höhe, sondern vielmehr die Breite der Erholung“, sagt Matthias Schupeta, Ökonom bei der DZ Bank. „Finanzmärkte, Unternehmensumfragen und realnahe Komponenten lieferten diesmal überwiegend positive Signale.“

Noch beeindruckender ist die Entwicklung des sogenannten „Economic Surprise Indikators“ der Citigroup. Er ist seit Mai von -80 auf über +60 Punkte gestiegen – und liegt damit inzwischen über dem entsprechenden Wert für die USA. Der Index gibt an, wie stark die tatsächlichen Daten von den Prognosen der Experten abweichen, wie überraschend die Zahlen also sind. Zuletzt waren sie besonders oft besser als erwartet. Und meist folgt darauf, dass die Ökonomen ihre Prognosen nach oben anpassen.

Es gibt also Grund für Optimismus – aber keinesfalls für Euphorie. „Deutschland erlebt derzeit keinen Boom“, warnt Stefan Hoops vor allzu viel Freude. „Gleichzeitig mehren sich die Hinweise darauf, dass die wirtschaftliche Wirklichkeit deutlich besser aussieht als die öffentliche Wahrnehmung“, sagt er. „Die Lage ist besser als die Stimmung.“

Dass die positiven Signale bisher in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden, ist jedoch nur allzu verständlich. Denn die Erfahrungen der vergangenen Jahre stecken allen in den Knochen, und die Politik hat seit Jahren kaum etwas gegen die strukturellen Probleme unternommen, die allen lange bekannt sind.

Reformen und „Sondervermögen“ machen Hoffnung

Immerhin gibt es aber auch in dieser Hinsicht Hoffnung. Die geplanten Reformen der Bundesregierung senden zumindest das Signal, dass man die Probleme anpacken will. Und gleichzeitig dürften in den kommenden Monaten auch die Investitionen wirken, die durch die zusätzlichen Schuldentöpfe, auch „Sondervermögen“ genannt, finanziert werden.

So erwartet die Bundesbank allein dadurch für dieses Jahr einen fiskalischen Impuls von etwa 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, sprich, Investitionen in diesem Umfang dürften wirksam werden. Das treibt nicht nur das Wachstum, es verändert auch die Zusammensetzung des Wachstums. Es würde dann nicht mehr nur vom Konsum getragen, sondern zunehmend von Investitionen. „Diese wirken typischerweise mit längerer Verzögerung, dafür aber oftmals nachhaltiger“, sagt Stefan Hoops.

Dennoch dürfe keinesfalls das Tempo bei den Reformen nachlassen. „Deutschland steht weiterhin vor wichtigen Aufgaben, sei es bei der demografischen Entwicklung, der Wettbewerbsfähigkeit des Standorts oder der Modernisierung seiner Infrastruktur“, sagt er. Zwischen der Feststellung bestehender Herausforderungen und der Diagnose einer wirtschaftlichen Krise bestehe jedoch ein wesentlicher Unterschied. „Die aktuellen Daten sprechen zunehmend für Ersteres und immer weniger für Letzteres.“

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Frank Stocker ist Wirtschafts- und Finanzkorrespondent in Frankfurt. Er berichtet über Geldanlage, Finanzmärkte, Konjunktur und Zinspolitik. Zudem hat er Bücher zur Inflation von 1923 und zur Geschichte der D-Mark veröffentlicht.

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