Brüssel – Von vielen wurde das Bargeld bereits totgesagt. In Schweden war es schon so weit, dass man selbst die Kirchenkollekte und den WC-Besuch mit Karte oder Handy-App bezahlt hat. Doch jetzt denkt Europa plötzlich um: Eine Akzeptanz-Pflicht soll unser Bargeld schützen. Folge: Schilder wie „Hier nur Kartenzahlung“ sollen bald verboten werden. BILD erklärt die EU-Wende.
Wie kam es zur Bargeld-Wende?
Ohne großes Aufheben hat eine EU-weite Bargeld-Annahmepflicht für Händler die entscheidende Hürde genommen: Das Europäische Parlament stimmte ihr im Rahmen eines größeren Gesetzespakets zu, in dem es auch um die Einführung des „digitalen Euro“ ab Januar 2029 geht. Eine Einigung mit den Mitgliedstaaten im Trilog (ab September) gilt in diesem Punkt als sehr wahrscheinlich.
Warum kämpft die EU plötzlich für Münzen und Scheine?
Anders, als vor allem von Rechtsaußen geraunt, richtet sich der digitale Euro NICHT gegen Barzahlungen, sondern gegen übermächtige US-Anbieter, die derzeit den Markt der digitalen Zahlungen dominieren. Scheine und Münzen haben aber den großen Vorteil, dass sie in Krisensituationen (Stromausfall, Cyberangriff, Überschwemmung etc.) den Handel aufrechterhalten – was im Fall von Apotheken oder Bäckereien existenziell sein kann. Die EU-Kommission betont zudem, dass sie älteren Menschen entgegenkommen will, die mit Kartenzahlungen fremdeln.
Was haben Gastronomen und Ämter eigentlich gegen Bargeld?
Wo keine Kasse, da keine Gefahr von Einbruch – und auch das Personal kann keine langen Finger bekommen. Neben Zeitersparnis und Bequemlichkeit bei der Abrechnung machen z.B. Eisdielen hygienische Gründe geltend: Auf Geldscheinen finden sich bis zu 3000 verschiedene Keime. Vielen Umfragen und Studien zufolge steigt aber auch die Zahl der Verbraucher, die lieber mit Karte oder Smartphone bezahlen. Das gilt besonders auch für Deutsche auf Reisen.
Kann ich dann auch im Bürgeramt wieder bar bezahlen?
Öffentliche Verwaltungen und z.B. auch der öffentliche Nahverkehr fallen nach jetzigem Stand unter die neue EU-Verordnung. Bedeutet: Busfahrer müssen Bargeld bald überall wieder akzeptieren. Wichtig: Für Barzahlungen darf generell kein Preisaufschlag verlangt werden.
Kann dann jeder eine Kugel Eis mit 1-Cent-Münzen oder 200-Euro-Scheinen bezahlen?
Nein. Für solche Fälle gibt es Ausnahmen von der Annahmepflicht, z.B. eine Höchstmenge von 50 Münzen pro Bezahlvorgang. Auch wenn das Wechselgeld ausnahmsweise mal nicht reicht, kann der Anbieter auf Kartenzahlung bestehen. Weitere Ausnahme: Automaten, zum Beispiel an Selbstbedienungstankstellen und Ladestationen.
Was wäre an der Bargeld-Abschaffung eigentlich so schlimm?
Der Europäische Steuerzahlerbund betont, dass Bargeld die Privatsphäre schützt: „Bei einer Barzahlung entstehen weder ein digitales Bewegungsprofil noch eine lückenlose Aufzeichnung darüber, wann, wo und wofür jemand sein Geld ausgegeben hat.“ Es gehe „den Staat auch nichts an“, wenn für eine Dienstleistung ein paar Euro Trinkgeld gegeben werden.
Bei welchen Summen gibt es Grenzen?
Deutschland hat bereits im Frühjahr 2023 die Barzahlung von Immobilien abgeschafft (gilt auch für Kryptowährungen und Edelmetall). Zum 10. Juli 2027 greift für Unternehmen und Selbstständige eine neue EU-Pflicht zur Ausweiskontrolle für Barzahlungen über 3000 Euro sowie ein Verbot für Barzahlungen und die Annahme von über 10.000 Euro. Hintergrund ist der verstärkte Kampf gegen Geldwäsche. Wichtig: Für Privatverkäufe (z.B. Gebrauchtwagen) greifen die Obergrenzen vorerst nicht.