Berlin – Sie äußert sich selten öffentlich. Doch nun hat Ex-Kanzlerin Angela Merkel (72, CDU) mit Moderator Johannes B. Kerner (61) schonungslos offen gesprochen – über ihre Zitteranfälle, die Sorgen um Deutschland und die Zukunft ihrer Partei. 45 Minuten lang stellte sich die frühere Bundeskanzlerin im Berliner Bode-Museum den Fragen von Kerner für dessen Talk-Format „Bestbesetzung“, das bei Magenta TV läuft.
Merkel spricht über...
… eine Frau als Bundespräsidentin: „Ich würde es mir wünschen. Es gibt 77 Jahre Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, und es gab noch nie eine Frau als Bundespräsidentin. Es gibt ganz gewiss Frauen, auch CDU-Frauen und CSU-Frauen, sagen wir mal Unionsfrauen, die sind geeignet.“
... ihr mehrfaches Zittern 2019: Sie habe das so empfunden, dass ihr Körper ihr aufgrund großer persönlicher Belastungen mitteilte: Stopp! Merkel: „Als ich damals 2019 gezittert habe, bei militärischen Ehren, wo sich auch so Spannung entladen hat, wahrscheinlich durch den Tod meiner Mutter oder auch die Tatsache, dass ich wusste, ich werde aufhören, da setzt der Körper dann einfach Zeichen und das ist ja menschlich etwas sehr, sehr Gutes.“ Einfach eine Auszeit zu nehmen, das hätte sie sich nicht erlauben können. „Ich habe dann gesagt, ich mache Militärisches eher nur noch im Sitzen. War ein bisschen komisch beim ersten Mal, nachher haben sich alle dran gewöhnt.“ Kerner hakte nach, ob sie sich zu wenig Zeit genommen habe, um über den Tod ihrer Mutter zu trauern. Merkel: „Wahrscheinlich ja. Ich habe es ja jetzt nicht direkt so empfunden, aber das war eben auch so ein Signal des Körpers: Jetzt mach mal Stopp, und dann muss man das eben auch so machen.“
… die Wahlerfolge der AfD und der Linken und ihre Sorge um Deutschland: „Ich bin sehr aufmerksam und diese Aufmerksamkeit ist nicht ohne Sorgen, aber auch nicht ohne Optimismus, weil ich ja auch erlebe, dass viele Menschen vielleicht jetzt mehr ihre Meinung sagen, mehr aufstehen, mehr überlegen: Was kann ich tun? Und dieses gereizte Klima – da bin ich so ein bisschen besorgt – dass die Extreme immer stärker werden und dass das, was mir in der Politik so wichtig war, Maß und Mitte, dass das immer weiter verschwindet.“
… über den Umgang mit AfD und Linken: „Ich würde sagen, es ist richtig bei der CDU, dass sie Unvereinbarkeitsbeschlüsse hat, was die AfD und die Linke anbelangt.“ Der Linken hält Merkel vor, „dass sie ein Programm hat, in dem sie nach wie vor sagt, dass sie mit der Nato nichts zu tun haben will“. Das fände sie in den heutigen Zeiten „vollkommen inakzeptabel“. Die Haltung von Teilen der Linken zu Israel und Juden kritisiert Merkel scharf: „Die Linke hat hier in Berlin ein sehr, sehr schweres Problem, was den Antisemitismus anbelangt.“
Merkel: „CDU pur ist nicht nur Wirtschaftspolitik“
… den Umgang der anderen Parteien mit der AfD: „Viel zu sehr ist es vielleicht schon passiert, dass nur noch darüber gesprochen wird: Wie ist das mit der AfD? So überzeuge ich doch niemanden, meine Partei zu wählen. Die CDU muss sagen, was bedeutet CDU. Die SPD muss sagen, was sie bedeutet, und damit die Menschen überzeugen. Wir haben ja glücklicherweise immer noch eine Mehrheit der Menschen, wenn das auch schwieriger wird, die anders denken – und die müssen gestärkt werden.“
… die Strategie „CDU pur“ unter Friedrich Merz: „CDU pur ist nicht Wirtschaftspolitik, sondern CDU pur ist eine Brücke zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern und auch zwischen denen, die zu uns zugewandert sind, die eine Migrationsgeschichte haben, und denen, die schon lange bei uns leben, zwischen Stadt und Land. Das ist CDU pur, ein Angebot für jeden Staatsbürger.“
… die Gefahr eines russischen Angriffs auf die Nato: „Ich halte es für geboten, eine solche Abschreckungswirkung zu entwickeln, dass das nicht passiert, und daran wird gearbeitet. Und da muss man im Rückblick auch sagen, die Anhebung der Verteidigungsausgaben war nicht schnell genug in meiner Amtszeit seit 2015. Wir haben zwar dann gesteigert, aber nicht in dem nötigen Tempo.“
… den Ausstieg aus der Atomkraft in ihrer Amtszeit: „Davon bin ich auch heute noch überzeugt, dass diese Entscheidung richtig war. Dass sie auch in der Sache richtig war, aber dass sie auch zur gesellschaftlichen Befriedung beigetragen hat.“
… wie ihr das Kanzlerinnen-Porträt gefällt, das im Bode-Museum ausgestellt ist: „Als Bundeskanzlerin habe ich immer versucht, dass ich die Hoheit habe über das, was passiert. Und hier liefere ich mich ja doch einem Maler aus. Das bedeutet Vertrauen. Ich habe mich erst einmal gefreut, dass ich verschiedene Facetten gesehen habe, und dass ich nach den vielen Jahren in der Politik da keine Verzweiflung sehe, keinen Zynismus, aber ich sehe die Spuren der Macht und trotzdem nach wie vor eine gewisse leichte Fröhlichkeit und auch ein bisschen was Gutmütiges. Ich bin zufrieden.“