Hierzulande kannte man sie lange ausschließlich aus Adelsgazetten und Hochglanzmagazinen: die 1986 im Fürstentum Monaco geborene Charlotte Casiraghi, Tochter von Caroline von Monaco. Doch in Frankreich hat sich die Enkelin Grace Kellys und Nichte des amtierenden Fürsten Albert II. von Monaco längst einen eigenständigen Namen als Autorin gemacht.
Gefragt, mit welchen Büchern sie sozialisiert wurde, nennt die Leserin Casiraghi keine belletristischen Werke, sondern ausschließlich solche, die der menschlichen Existenz auf den Grund gehen. Literatur ist für die Gründerin des Philosophiefestivals von Monaco nicht nur Selbsterkundung, sondern wahre Kommunikation. Dass Charlotte Casiraghi, wie sich an ihrer Leidenschaft für Anne Dufourmantelle zeigt, ein Faible für das Risiko hegt, erstaunt nicht. Den Sprung von der Turnierreiterin zur studierten Philosophin und Literatin („La Fêlure“, bei Éditions Julliard erschienen) hat sie mühelos bewältigt.
Karl Jaspers: Einführung in die Philosophie
Eine Erinnerung an meine Gymnasialzeit und von fundamentaler Bedeutung für mich. Dieses Werk wird mich immer begleiten. Ich war 16, als uns Robert Maggiori, unser Philosophie-Lehrer, mit Karl Jaspers, Martin Heidegger und Hannah Arendt vertraut machte. Ich habe damals eine Abschlussarbeit geschrieben über die deutsche Schuldfrage im Beziehungsgeflecht dieser drei Intellektuellen. Ein erstaunliches Trio, da Hannah Arendt eine besondere Verbindung sowohl zu Martin Heidegger als auch zu Karl Jaspers hatte. Dieser enge Kontakt zwischen der Schülerin Arendt und ihrem Lehrer Heidegger, obschon sie Jüdin war und er eine Nazivergangenheit hatte, war außergewöhnlich. Das wirbelte alles durcheinander in den Nachkriegsjahren. In ihren inhaltlichen Positionen waren die drei absolut konträr, und doch waren sie freundschaftlich miteinander verbunden. Ihr leidenschaftlicher Austausch trotz oder gerade wegen ihrer unterschiedlichen Vergangenheiten hat mich sehr beeindruckt. Von erstaunlicher Klarheit ist Jaspers’ Buch auch, was die Entwicklung der Philosophie im antiken Griechenland betrifft.
Seit Anbeginn der Philosophie war der Dialog zentral. Entscheidend ist für Jaspers, dass auch Menschen mit unterschiedlichen Freiheitsideen miteinander kommunizieren können sollten. Fortschritte machen wir erst im Gespräch und durch das Zusammenführen von unterschiedlichen Wahrheiten. In der Einsamkeit ist die Suche nach Wahrheit vergebens. Darüber hinaus findet sich in Jaspers’ Werk eine treffsichere Formulierung für unsere Gegenwart: „Ich existiere nur mit den anderen, allein bin ich nichts.“ Dieser Satz traf mich ins Mark.
Charles Baudelaire: Die Blumen des Bösen
Baudelaire hat mich zweifelsohne stark geprägt. Sein Gedicht „Die zersprungene Glocke“ erlaubte mir, meine Fragilität endlich anzunehmen. Es ermöglichte mir, der verspürten Scham, Traurigkeit, Angst und Verzweiflung zu entkommen. Baudelaires Sprache ist wie ein Diamant: geschliffen, von äußerster Perfektion. Das lässt mich glauben, dass man aus Kummer und Leid etwas Kostbares erschaffen kann. Traurigkeit lässt sich in Gold verwandeln. Mein gesamtes Handeln ist von dieser Überzeugung geleitet.
Blaise Pascal: Gedanken
Dieses Buch begleitet mich seit Langem. Ich lese zwar nicht jeden Abend darin, denn Pascal ist nicht ganz einfach zu lesen. Es finden sich aber Fragmente und Geistesblitze darin. Ich finde eine geistige Klarheit, die mir immer wieder den Kopf zurechtrückt, gerade hinsichtlich Eitelkeit und Zerstreuung. Wir neigen schließlich dazu, uns mit Nichtigkeiten zu befassen, um unserem Elend zu entfliehen. Das aber macht auch unsere Größe aus: das Wissen um unsere Armseligkeit. Es gibt wunderbare Seiten in diesem Buch! Pascals Sprache schätze ich sehr, denn sie steckt voller Ironie, Poesie, Fantastik. Man entdeckt verschiedene Genres und Klangfarben. Pascal versucht uns von allen Seiten zu umfangen. Er konfrontiert uns mit bestimmten, wenig angenehmen Wahrheiten und nutzt dafür unterschiedlichste Strategien.
Anne Dufourmantelle: Lob des Risikos
Die in Frankreich für ihre philosophisch-zeitgeistigen Bücher sehr berühmte Anne Dufourmantelle starb 2017 – und bedeutete mir sehr viel. Die Begegnung mit ihr hat mein Leben verändert. Ihr Buch „Lob des Risikos“ verschenke ich bis heute oft, denn es hat mich tief bewegt. Es fordert einen auf, darüber nachzudenken, welchen Ansichten man wirklich treu bleiben sollte. Man fragt sich: Was fordert uns zu einer mutigen Handlung heraus? Was animiert uns zu einer bestimmten Haltung? Welche Opfer erbringen wir für einen Akt der Courage? Dieses Buch glüht vor Intensität. Anne Dufourmantelle schreibt feurig und ihr „Lob des Risikos“ strahlt diese glühende Kraft aus.
F. Scott Fitzgerald: Der Knacks
Dieser autobiografische Essay hat mich unter anderem dazu angeregt, mein Buch „La Fêlure“ (Der Riss) zu schreiben. Als Romancier mochte ich Fitzgerald schon immer, aber hier offenbart der Autor seine philosophische Seite. Er ist gnadenlos, unerbittlich. Dieser kurze Text enthält eine tiefe philosophische Reflexion über das Wesen der Depression. Fitzgeralds Essay hält uns die fehlende Klarsicht auf uns selbst vor Augen – auf die Tatsache, dass wir uns selbst etwas vormachen, in den Rausch entfliehen und uns vor dem schützen, was uns im tiefsten Inneren bewegt. Fitzgerald selbst begriff das leider zu spät.
Warum werden wir dessen erst gewahr, wenn wir bereits zusammenbrechen? Viele Leser fühlen sich von dem Buch angesprochen, weil es von den Symptomen der Depression handelt. Es gibt so viele Menschen, die einen Zusammenbruch erleiden, und niemand hat die Vorzeichen erkannt. Während der Lektüre beginnt man zu begreifen, dass viele den Riss in ihrem Leben lange Zeit zu maskieren versuchen – nicht zuletzt mittels Alkohols. Fitzgerald schreibt über diesen Riss, der unmerklich beginnt und sich schließlich in voller Wucht offenbart.
Maya Angelou: Brief an meine Tochter
Dieses Buch eignet sich besonders als Geschenk für junge Frauen, aber durchaus auch junge Männer. Es ist kein Ratgeberbuch; die Autorin erzählt Geschichten und nimmt ihren Leserinnen gegenüber eine mütterliche Haltung ein. Dabei erteilt sie keine Ratschläge, sondern schildert Lektionen, die sie selbst lernen musste. So begreift man, dass unerwartete Ereignisse und Niederlagen ein natürlicher Teil des Lebens sind. Maya Angelous Buch liegt mir sehr am Herzen, da ich in meiner eigenen beruflichen Tätigkeit einen ähnlichen Ansatz verfolgt habe: In einer Kinderpsychiatrie habe ich magersüchtigen Mädchen aus dem Buch vorgelesen, um auf indirekte Weise, vermittelt durch den Text, ein Vertrauensverhältnis zu den Mädchen aufzubauen.
Anna Achmatowa: Requiem
Ein Monument der russischen Lyrik! Wenn man das Wesen der menschlichen Existenz komplett verdichten müsste: Voilà, in diesem Gedichtband erlangen wir einen Eindruck. In diesem Zusammenhang möchte ich auch Lydia Tschukowskajas „Aufzeichnungen über Anna Achmatowa“ erwähnen. Ein großartiges, erschütterndes Buch! Im Gefängnis entspann sich eine intensive Freundschaft zwischen Anna Achmatowa und der jungen Lydia. Die beiden Frauen unterstützten sich gegenseitig. Details, scheinbare Petitessen waren von großer Bedeutung für beide Frauen in der Haft; aus diesen Kleinigkeiten erwuchs ihre Freundschaft. Leider kann ich das Buch nicht auf Russisch lesen, das bedaure ich sehr. Doch in ihrer Knappheit vermag sie Ungeheures auszudrücken, klar und unprätentiös.