Manche Dinge sind so offensichtlich quatschig, dass man Angst hat, sie quatschig zu nennen. Denn es könnte eine Meta-Erzählung hinter der unsinnigen Fassade stecken. Und wie peinlich wäre das bitte, wenn man sie nicht erkannt hat – sich stattdessen verächtlich über den angeblichen Quatsch geäußert hat? Beim Konsum von „Brainrot“ (übersetzt: Gehirnfäule) schwingt diese Angst immer mit. Ziemlich sicher ist das Lieblingsgenre der Generation Z auch einfach Quatsch. Aber es ist absichtlicher Quatsch – und das macht es wiederum anspruchsvoll.
Das neueste Beispiel nahm seinen Lauf im Mai dieses Jahres in Schottland. Der TikToker @nnichetony holte ein Ei aus der Küche, legte es mit der Provokationslust eines Pubertierenden auf Klassenfahrt auf eine Türklinke in der Wohnung und sagte: „Heute werde ich dem käsigen Michael mit diesem Ei einen Streich spielen.“ Der TikToker schien ganz aufgeregt vor Schadenfreude: Möge der käsige Michael doch bitte durch die Türe gehen! Dann würde das Ei herunterfallen und „das Leben von Michael wäre zerstört“. Im Hintergrund ertönt eine wunderbar helle und liebliche Stimme, die „Käsiger Michael, öffne deine Tür“ anstimmt. Der TikToker macht die Gesangseinlage zum Kanon, indem er versetzt, wie ein Mantra, mit dunkler Stimme immer wieder „Cheesy Michael“ sagt. Das Video hat zehn Millionen Aufrufe.
Nun hat der Trend auch Deutschland erreicht – und einen Übersetzungsfehler wohl billigend in Kauf genommen. Denn der schottische TikToker sagt ja im Original „cheesy Michael“, was im Deutschen eigentlich mit „schmalzig“ oder „kitschig“ übersetzt werden müsste. Mitbewohner Michael war also eigentlich ein gefühlsduseliger Trottel, jetzt ist er käsig. Aber die deutschen TikToker, die den Trend adaptierten, hatten schon recht in der Annahme, dass „käsiger Michael“ absurder, also besser klingt.
Die Sinnfreiheit herzlich umarmen
Nun ja, auf jeden Fall setzen jetzt deutsche TikToker den Brainrot aus Schottland fort. @benjisproduct legt ein Ei auf die Türklinke. Auch er hofft, dass Mitbewohner Michael – den es natürlich gar nicht gibt – durch die Tür tritt. Auch sein Leben wäre wieder zerstört von dem auf dem Boden verschmierten Eigelb. Die Tenöre erklingen: „Oh, käsiger Michael, öffne deine Tür!“ Sieben Millionen Aufrufe. Er wandelt den Witz dann noch ab, dieses Mal ist es ein Glas Milch – zwei Millionen Aufrufe. Dann ist es ein Löffel auf der Türklinke, danach eine brennende Kerze. Und so weiter.
Es ist absolut keine Schande, wenn man bis hierhin nicht folgen konnte. Denn genau das ist der Sinn von Brainrot-Content: die völlige Sinnfreiheit herzlich umarmen und damit die eigene Verblödung parodieren. Man kann der Gen Z viel nachsagen – dass sie ungebildeter als ihre Vorgängergenerationen ist zum Beispiel –, selbstironisch ist sie aber in jedem Fall. Und fähig zur Abstraktion auch, denn vielleicht steckt hinter allem doch eine Meta-Erzählung. Und Brainrot ist die neue Avantgarde, weil es sich am Dadaismus bedient.
Es gibt gute Hinweise darauf, dass Brainrot-Videos Gemeinsamkeiten mit der einflussreichen Kunstrichtung des 20. Jahrhunderts haben. Im Dadaismus gibt es häufig eine zufällig wirkende Abfolge von Wörtern, Bildern, Textfragmenten und Lauten. Denken wir an die „Ursonate“ von Kurt Schwitters, der 1921 mit Urlauten wie „dll rrrrrr beeeee bö“ eine Anti-Sonate dichtete, um den bildungsbürgerlichen Diskurs zu dekonstruieren. Dieser glaubte zu dieser Zeit noch an die Vernunft. Doch wenn diese Vernunft zu einem Weltkrieg führt, was ist sie dann eigentlich wert, fragten sich dadaistische Künstler.
Auch Brainrot setzt auf verwirrende Zufälligkeit. Im vergangenen Sommer – es war der Sommer von „Italian Brainrot“ – flog auf TikTok ein italienischer Gänserich mit Propeller-Flügeln durch die Lüfte. Er faszinierte so sehr, dass sich aus ihm allerlei künstlerische Ableitungen ergaben. TikTok-User ließen ihn gegen eine Mischung aus Alligator und Kampfjet kämpfen („Bombardino Crocodilo“) und erstellten Funk-Musik in seinem Namen. Jede neue Figur verwies auf die vorherige und wurde selbst wieder zur Vorlage für die nächste. Wer also die vorherigen Memes über den Gänserich nicht kannte, wird vor vielen Fragezeichen gestanden haben.
Wenn der Dadaismus die Bürgerlichen von ihrer Obsession mit Vernunft und Sprache befreien wollte, was will dann Brainrot? Jedenfalls scheint die Gen Z gar nicht mehr daran zu glauben, dass Zeichen noch etwas Eindeutiges bedeuten. Das Internet hat jedes Symbol schon zigmal ironisiert und entfremdet, sodass nichts mehr von ihm übrigblieb. Also zimmert sie bedeutungsleere Symbole noch absurder zusammen, die vermeintliche Bedeutung entsteht nur im engen Referenzsystem. Wer außerhalb des Referenzsystems steht, Eltern ohne große TikTok-Erfahrung zum Beispiel, bekommt keinen Zugang.
Abgrenzung zu Eltern
Und genau das dürfte auch ein Grund für die Brainrot-Obsession der Gen Z sein. Nun, wo auch ihre Eltern Instagram-Accounts haben, ihren Kindern aber gleichzeitig vorwerfen, zu viel am Handy zu hängen, benötigt die Gen Z Content, mit dem sie eine klare Grenze ziehen kann: Das verstehen nur wir! Also entwickelt sie eine eigene, dadaistische Sprache: Wie viele Eltern wohl vergangenes Jahr gegoogelt haben, was „Six Seven“ bedeutet? Es steht auf der Liste für das Jugendwort des Jahres und bedeutet, genau, eigentlich nichts. Oder jedenfalls nichts außerhalb seiner eigenen Meme-Welt.
Dass Brainrot auf TikTok so erfolgreich ist, dürfte allerdings noch einen ganz praktischen Grund haben. Das Genre hebelt die von sozialen Medien verkümmerte Aufmerksamkeitsspanne aus. In den ersten Sekunden eines TikTok-Videos entscheidet sich, ob der User zum nächsten Video weiterwischt. Es muss also schon etwas Krasses passieren, damit man dranbleibt. Ein Gänserich mit Maschinengewehr-Propellern erfüllt diese Voraussetzungen.
Ein Ei auf der Türklinke, das mit „Oh cheesy Michael“ besungen wird, natürlich auch. Doch selbst der völlige Unsinn verlangt irgendwann nach Exegese. Weil sich anscheinend viele TikTok-User fragten (oder waren es die Eltern?), was es mit dem „käsigen Michael“ auf sich hat, erstellte Christopher Deutz aus Georgsmarienhütte eine Homepage, auf der er gängige Fragen beantwortet.
Kann sich der „käsige Michael“ aus dem verschlossenen Zimmer befreien? „Nein. Er ist im Loop. Ihm geht's aber gut da drin“, lautet die Antwort. Was kam zuerst? Der „käsige Michael“ oder das Ei? „Der käsige Michael.“ Und eine wichtige Frage noch: Ist der „käsige Michael“ laktoseintolerant? „Unbekannt“, schreibt der Mann aus Georgsmarienhütte. Nach allem, was man über Brainrot weiß, ist es aber auch ziemlich egal.