Der Schriftzug Gazprom prangt auf der Stellwand, über dem G flackert eine Flamme. Davor steht Gerhard Schröder und schwärmt von der deutsch-russischen Zusammenarbeit. „Persönlich hat mich am meisten interessiert die Notwendigkeit einer engen, nicht nur energiepolitischen, aber auch energiepolitischen Partnerschaft zwischen der Europäischen Union, Deutschland voran, und Russland. Das hat eine historische und politische Dimension, die weit über das hinausreicht, was diskutiert worden ist in Zusammenhang mit diesem Projekt.“
Bei dem Projekt handelt es sich um die deutsch-sowjetischen Erdgas-Geschäfte, deren Ausgangspunkt ein im Jahr 1970, schon lange vor Schröders Kanzlerschaft, geschlossener Vertrag war. Westdeutsche Unternehmen lieferten Pipelineröhren in die Sowjetunion, Banken finanzierten das Geschäft, im Gegenzug floss sowjetisches Erdgas in die BRD. Es war der Beginn einer Energieverflechtung, die sich über Jahrzehnte vertiefte.
Zu deren späten Folgen gehören auch die Nord-Stream-Pipelines. Ihre Sprengung im September 2022, wenige Monate nach Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine, wird derzeit vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht verhandelt. Am 2. September 2026 wurde Anklage gegen einen ukrainischen Staatsangehörigen zugelassen und das Hauptverfahren eröffnet. Ihm wird der Einsatz verbotener Methoden der Kriegsführung und das Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion gegen zivile Objekte vorgeworfen.
Nur wenige Kilometer vom Verhandlungsort entfernt ist in den Hamburger Deichtorhallen nun Hito Steyerls Arbeit „Leak“ zu sehen. Gemeinsam mit dem Kulturforscher Philipp Goll und dem ukrainischen Filmemacher Oleksiy Radynski hat sie die Geschichte der deutsch-russischen Gasinfrastruktur untersucht. In ihrer Fünfkanalinstallation verbindet Steyerl historisches Filmmaterial, Dokumentaraufnahmen, Werbe- und Pressebilder der Pipelinebetreiber sowie KI-generierte Sequenzen.
Die Arbeit macht vor allem deutlich, was Gerhard Schröder, der auch ausführlich darüber schwadroniert, wie umweltfreundlich Erdgas sei, mit „nicht nur energiepolitisch“ meinte. Der wirtschaftspolitische Deal war von Anfang an eng mit kultureller Einflussnahme verflochten. Sie sollte die Infrastruktur nicht nur legitimieren, sondern ihr den Anschein eines großen europäischen Verständigungsprojekts geben.
Hito Steyerl: „Kultur-Pipeline mit Soft-Power-Appeal“
Schon in den 1980er-Jahren habe es „Blockbuster-Ausstellungen“ rund um die Erdgas-Deals gegeben, „die sozusagen die Pipelines dekorieren sollten“, erzählt Hito Steyerl im Gespräch mit dem Deichtorhallen-Direktor Dirk Luckow. „Und dann, in den 1990er-Jahren, gab es die sogenannte Kultur-Pipeline, die das alles mit einem Soft-Power-Appeal verkleiden sollte“.
Die Auftraggeber seien westdeutsch gewesen, auch die Gewinne seien größtenteils nach Westdeutschland geflossen, sagt Steyerl. „Gebaut worden sind sie aber von ostdeutschen Freiwilligen, anfangs waren es große FDJ-Jugendprojekte.“ Interviews mit früheren Bauarbeitern sind in die Installation eingeflossen.
Hito Steyerl gehört zu den wichtigsten Stimmen der Gegenwartskunst. Das liegt nicht nur an ihrer Fähigkeit, zeithistorische und gesellschaftspolitische Zusammenhänge in komplexe, bildgewaltige Videoinstallationen zu übersetzen. Es liegt auch daran, dass sie wie kaum ein anderer zeitgenössischer Künstler in aktuelle Debatten eingreift und zur Gegenwart Stellung bezieht, ohne sich in plakativem Aktivismus zu erschöpfen.
Als die Documenta 15 im Jahr 2022, wie schon vor Eröffnung absehbar, im Antisemitismusskandal unterging, zog sie ihren Beitrag zurück und ließ ihre Installation abbauen. Sie begründete den Schritt mit dem Umgang der Verantwortlichen mit antisemitischen Inhalten, dem organisatorischen Versagen und der Weigerung, eine nachhaltige Debatte und Vermittlung zu ermöglichen.
Am Eingang der großen Hamburger Überblicksausstellung „Deine Mudda macht Show“ sind auch frühe Filme Steyerls zu sehen. „Babenhausen“ von 1997 zeigt das rußgeschwärzte, ausgebrannte Haus von Tony Abraham Merin, dem letzten jüdischen Einwohner der gleichnamigen hessischen Stadt. Auf der Tonspur schildert ein Antifa-Demonstrant bei einer Kundgebung die antisemitischen Anfeindungen und Morddrohungen, denen Merin ausgesetzt war. Nachdem seine Familie Deutschland verlassen hatte, wurde ihr Haus niedergebrannt. In einem Kurzfilm aus der Reihe „Normalität“ (1999–2001) sieht man Rechtsextreme, die in Berlin gegen den Bau des Denkmals für die ermordeten Juden Europas protestieren und dazu Landsknechtlieder singen. Es sind Dokumente einer Zeit, deren Widerhall in der Gegenwart kaum zu überhören ist.
In Steyerls jüngster Arbeit „The Island“ schwappt eine braune Flutwelle über die kroatische Insel Korčula. Im Film ist von „Slow Fascism“ die Rede. Die Künstlerin erklärt, da „rollt ein Tsunami, der aus KI-Slop besteht, aus Brainrot, aus den wiedererstandenen Resten der alten Faschismen“.
Die Metapher ist bewusst mehrdeutig und überladen. Steyerl befasst sich zurzeit stark mit den Auswirkungen Künstlicher Intelligenz auf unser Verständnis von Bildern und medialen Botschaften. Im Film versinnbildlicht die Welle jenen KI‑Schrott, der unsere Timelines und Feeds verstopft und sich als Sediment aus Behauptungen, Fälschungen und Wiederholungen in unserer Wahrnehmung festsetzt, wie eine Arteriosklerose der Sinnesorgane. Zugleich erinnert sie an die realen Flutbilder unserer Gegenwart, aus dem Ahrtal, den Straßen von Valencia oder den Bergdörfern von Nepal.
Verschwörungserzählungen, autoritäre Tendenzen und die Verdrängung der Klimakrise bilden die politischen Untertöne von „The Island“. Sie überlagern sich mit dem Obertongesang eines kroatischen Chors, unterwasserarchäologischen Entdeckungen und dem Science-Fiction-Heldentum von Flash Gordon. Der Schauspieler Mark Waschke schlüpft in die Rolle des mehrfach verfilmten Comic-Heroen aus den 1930er-Jahren, der sich nun als Weltenretter in der Inselstadt Korčula wiederfindet.
Ohne besondere Kenntnisse der Quantenphysik erscheint „The Island“ zunächst als chaotisch verquirltes Potpourri aus Popkulturzitaten, KI-Bildern, dokumentarischen Fragmenten, wissenschaftlichen Interviews und Adriatourismus. Folgt man Steyerls Logik, ist diese Überforderung durchaus beabsichtigt.
Ihr Kronzeuge für die Möglichkeit anderer Welten ist der in Kroatien geborene Science-Fiction-Theoretiker Darko Suvin. Als Kind erlebte er 1941 einen Bombenangriff auf Zagreb und versetzte sich, so erzählt es Steyerl, in die Welt von „Flash Gordon’s Trip to Mars“. Die Science-Fiction wurde zum gedanklichen Ausweg aus einer ausweglosen Gegenwart.
Steyerl verbindet dieses Motiv mit Denkfiguren der Quantenphysik: Letztere geht unter anderem davon aus, dass es nicht wie in der klassischen physikalischen Welt nur die Zustände A oder B gibt, sondern gleichzeitig A und B – und damit potenziell viele Realitäten parallel nebeneinander existieren können. Die Science-Fiction hat die Möglichkeiten von Parallelwelten, aber auch von KI, schon früh durchgespielt, was wiederum Suvin als „Novum“ literaturtheoretisch diskutiert hat.
Steyerl sucht nun nach ästhetischen Formen, um die Komplexität künstlerischer und wissenschaftlicher, dokumentarischer und fiktionaler Erfahrungen und Erkenntnisse abbilden zu können. So etwa in der neuen Videoinstallation „Mechanical Kurds“, in der es um syrische Flüchtlinge geht, die als KI-trainierende Micro-Worker ausgebeutet werden, aber auch um den historischen „Schachtürken“.
Dass sie dabei stets „state of the art“ war, zeigt ihr wohl bekanntestes Werk „How Not to Be Seen: A Fucking Didactic Educational .mov File“ aus dem Jahr 2013. Nichts altert eigentlich so schlecht wie Medienkunst. Schon nach wenigen Jahren kann sie so antiquiert wirken wie die Geräte, mit denen sie produziert und präsentiert wurde. Steyerl begegnet diesem Problem, indem sie ihre Arbeiten für jeden Ausstellungsraum neu inszeniert. „How Not to Be Seen“ ist aber auch inhaltlich erstaunlich frisch geblieben und scheint heute geradezu nach einem Sequel zu verlangen.
Der Film ist eine satirische Anleitung, im Bild unsichtbar zu werden. Er entstand in einer Zeit, in der digitale Bildproduktion und bildbasierte Überwachung immer enger zusammenrückten. Zu Beginn sieht man eine riesige Kalibrierungsmarke auf einem ehemaligen Militärgelände in der kalifornischen Wüste. Solche Zeichen dienten dazu, die Auflösung analoger Luftbildkameras zu prüfen. Mit der Digitalfotografie wurde ein neues Testbild eingeführt. Im digitalen Bild übernimmt das Pixel die Rolle der Maßeinheit.
Steyerl vermisst nun ihrerseits die Möglichkeiten, sich der visuellen Erfassung zu entziehen. Etwa durch Verschwinden: „Lebe in einer Gated Community“, heißt es im Film. „Trage einen Tarnumhang. Sei ein Superheld. Oder eine Frau über 50.“ Visionär empfiehlt sie bereits den Einsatz von visuellen Filtern, wie sie sich erst später in sozialen Medien durchsetzen sollten.
Dann wird der Film drastischer: „Werde ein Staatsfeind. Eliminiert. Liquidiert. Und dann verheimlicht.“ Wegen (oder trotz) der digitalen Revolution sind 170.000 Menschen verschwunden, sagt die Hintergrundstimme. Der Film verspricht aber auch eine Hoffnung: sich wie abtrünnige Pixel in den Ritzen der Auflösungsstandards verstecken und den Mantel der Repräsentation abwerfen.
Am Ende des Films singt wieder eine Art Chor: „Ooh ah, ah ooh, precious moments“, schmettern die Three Degrees ihre Hymne „When Will I See You Again“. Im Song geht es natürlich um die große Liebe, um Hoffnung und Erfüllung des Wiedersehens. Im Soul – und in einer quantenmechanischen Welt – ist das möglich. Bei Steyerl wird daraus eine Frage der Sichtbarkeit: Wann werde ich dich wiedersehen, wenn Bilder längst nicht mehr bloß Wirklichkeit zeigen, sondern darüber entscheiden, wer überhaupt in ihr vorkommt?
Diese seltene Gleichzeitigkeit von Humor und Härte, spielerischem Optimismus und schonungsloser Kritik bleibt ein physikalisches Kontinuum in Hito Steyerls Kunst.
„Deine Mudda macht Show“, bis 29. März 2027, Halle für aktuelle Kunst der Deichtorhallen, Hamburg