Kultur

Was mich Captain Picard über das Leben lehrte

Was mich Captain Picard über das Leben lehrte

Als der Android Data seinem Captain in einer stillen Minute auf der Enterprise diese Frage stellt, weicht Jean-Luc Picard nicht aus.

„Ich habe eine Frage, Sir.“

„Ja, Data. Worum geht es?“

„Was ist der Tod?“

Es sei vermutlich die schwierigste aller Fragen, antwortet er ruhig. Manche sähen im Tod den Übergang in ein ewiges Paradies, andere ein bloßes Verlöschen im Nichts. „Was glauben Sie, Sir?“, hakt Data nach. Und Picard antwortet mit einer Tiefe, die man in einer Science-Fiction-Serie der Achtzigerjahre kaum vermutet hätte:

„Angesichts der wundersamen Komplexität unseres Universums, seiner uhrwerkgleichen Vollkommenheit, seiner Gleichgewichte zwischen dem einen und dem anderen – Materie, Energie, Gravitation, Zeit, Dimension –, glaube ich, dass unsere Existenz mehr sein muss als nur eine dieser beiden Philosophien. Dass das, was wir sind, über euklidische und andere praktische Maßsysteme hinausgeht und dass unsere Existenz Teil einer Wirklichkeit ist, die jenseits dessen liegt, was wir heute als Wirklichkeit verstehen.“

Mit dem Tod von Patrick Stewart verlieren viele von uns einen Mann, der uns am Bildschirm mit erzogen hat. Ich war acht Jahre alt, als „Star Trek: The Next Generation“ zum ersten Mal im deutschen Fernsehen lief, im ZDF. Ich war zwölf, als die Serie endete. In diesen Jahren wurde dieser Captain für mich, wie für viele in meiner Generation, zu einer Art Vaterfigur. Es ist eine schöne Ironie, dass ausgerechnet Jean-Luc Picard, der nie eine eigene Familie gründete, mehr Vater war als jeder Captain vor oder nach ihm. Vielleicht auch deswegen, weil das Konzept Familie nicht bei Verwandtschaftsverhältnissen endete.

Als der klassisch geschulte Shakespeare-Darsteller Stewart 1987 das Kommando über die Enterprise-D übernahm, war Science-Fiction oft lauter Weltraum-Western: geprägt von Space-Schießereien und schnellen Fingern am Phaser. Stewart brachte Intellekt auf die Brücke. Unter ihm war Science-Fiction kein Kriegsspiel, sondern der Weg zu etwas Besserem. Alles, was das Ideal der Sternenflotte ausmachte, steckte in ihm – das Gute, das Starke, auch das Ängstliche und Verletzliche, aber immer das Einende.

Oft wird der Vulkanier Mr. Spock als der größte Diplomat des „Star Trek“-Universums bezeichnet. Ich habe das nie verstanden. Spocks Diplomatie arbeitete rein logisch, gestützt auf Fakten und Kausalketten, die gelernt und geschlussfolgert werden. Picards Diplomatie funktionierte empathisch. Er sah im Gegenüber nicht nur das, was ist, sondern immer das, was möglich ist.

Doch auch seine Diplomatie kannte eine Grenze. Als Stewart im achten Film „Der erste Kontakt“ wieder auf die Borg traf, zeigte er einen anderen, kämpferischen Picard: „Wir haben bereits zu viele Kompromisse gemacht, uns zu oft zurückgezogen. Sie dringen in unseren Raum ein, und wir weichen zurück. Sie assimilieren ganze Welten, und wir weichen zurück. Nicht noch einmal. Hier ist die Grenze! Bis hierher und nicht weiter! Und ich werde sie für das bezahlen lassen, was sie getan haben!“ Dass er in diesem Moment fast an seiner eigenen Wut und seinem Trauma zerbricht, bevor er zur Vernunft zurückfindet, machte ihn nur fassbarer.

Was ein reiches Leben ausmacht

Von der Figur Picard lernte ich, was ein reiches Leben ausmacht: Literatur, Musik, Neugier – und das Bewusstsein für die eigene Endlichkeit. In „The Inner Light“, wohl eine der schönsten Episoden, in der er innerhalb von Minuten ein ganzes Leben durchlebt, gab er uns den Rat: „Lebe jetzt; mache das Jetzt immer zur kostbarsten Zeit. Denn das Jetzt wird niemals wiederkehren.“

Und in „Star Trek: Treffen der Generationen“ sagte er zu Commander Riker: „Jemand hat mir einmal gesagt, die Zeit sei ein Raubtier, das uns unser ganzes Leben lang verfolgt. Ich glaube vielmehr, dass die Zeit ein Begleiter ist, der uns auf unserer Reise daran erinnert, jeden Augenblick zu schätzen, denn er wird niemals zurückkommen. Was wir zurücklassen, ist nicht so wichtig wie die Art und Weise, wie wir gelebt haben. Am Ende, Nummer Eins, sind wir auch nur sterblich.“

Ich besitze ein einziges Management-Handbuch über Führung: „Das Picard-Prinzip“. Es betrachtet unseren Captain als Leadership-Figur und aus den Kapiteln lassen sich Hunderte LinkedIn-Posts zur C-Level-Positionierung ableiten. Wenn auf der Brücke der Rote Alarm losging, wurde Picard nicht lauter, sondern ruhiger. Er analysierte das Problem, versammelte seine Offiziere am Tisch und hörte zu.

Sein Vorgänger Kirk war dagegen noch ein Cowboy und oft selbst die Lösung. Picard konnte eigene Fehleinschätzungen eingestehen, ohne Autoritätsverlust. Und er nahm für immer jedem, der in diesem Universum Verantwortung trägt, die Angst vorm Scheitern, solange man nach bestem Gewissen gehandelt hat: „Es ist möglich, keine Fehler zu machen und trotzdem zu verlieren. Das ist keine Schwäche. Das ist das Leben.“

Vor allem aber ließ er andere über sich hinauswachsen. Man wünscht sich im Leben jemanden, der einen so anschaut, wie Jean-Luc Picard den jungen Wesley Crusher: mit diesem stillen Stolz. Er förderte Wesleys Talent, damit dieser das Beste aus sich herausholte, aufblühte und sein Bestes für das Richtige einsetzte. Genauso begleitete er Data: Einen Androiden, der danach strebte, ein Mensch zu sein, bewegte Picard dazu, seiner eigenen Neugier zu folgen. Er wies ihm nicht den Weg, sondern bestärkte ihn auf seinem eigenen.

Für Picard war nichts im Leben festgelegt; jeder hat die Macht, es selbst in die Hand zu nehmen, aus eigener Kraft. Im Serienfinale „Gestern, Heute, Morgen“ löst Picard ein zeitliches Paradoxon, weil er die gewohnten Grenzen des linearen Denkens überwindet. Daraufhin offenbart ihm das allmächtige Wesen Q den wahren Sinn der menschlichen Reise: „Für diesen Bruchteil einer Sekunde stand Ihr Verstand offen für Möglichkeiten, die er nie zuvor in Betracht gezogen hatte. Das ist die Entdeckungsreise, die sie anstreben sollten. Nicht das Kartographieren von Sternen, oder das Studium von Nebeln. Sondern die Erkundung der ungeahnten Möglichkeiten der Existenz.“

Für mich ist das die wichtigste Lehre aus „Star Trek: Die nächste Generation“: Die wahre Entwicklung liegt darin, das eigene Dasein zu weiten – furchtlos Dinge zu wagen, die nicht zwingend noch nie ein Mensch zuvor getan hat, sondern vielleicht nur man selbst noch nie. Es geht ihm um „das Potenzial, sich selbst zu einem besseren Menschen zu machen. Und genau das bedeutet es, ein Mensch zu sein: Sich selbst zu mehr zu machen, als man ist.“ (aus „Star Trek: Nemesis“).

Was der Tod ist, hatte Data gefragt. Die schönste Antwort darauf gab die in der ersten Staffel verstorbene Sicherheitschefin Tasha Yar in ihrer Abschiedsbotschaft. Sie sprach aus, was Jean-Luc Picard für uns junge Fans vor den Bildschirmen war:

„Captain Jean-Luc Picard. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass Sie für mich wie ein Vater gewesen sind. Aber ich hatte nie einen, daher weiß ich nicht, wie sich das ist. Doch wenn es jemanden in diesem Universum gäbe, dem ich nacheifern wollte, jemanden, den ich stolz auf mich machen möchte – dann wären Sie es. Jean-Luc, Sie haben den Mut und das Herz eines Entdeckers und die Seele eines Poeten. Deshalb werden Sie verstehen, wenn ich sage: Der Tod ist ein Zustand, in dem man in der Erinnerung anderer existiert; weshalb er kein Ende ist. Keine Abschiede, nur gute Erinnerungen. Grußfrequenzen geschlossen, Sir.“

Au revoir, Grußfrequenzen geschlossen, Jean-Luc.

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