Brüssel/Berlin – Endlos scrollen, immer neue Videos, immer extremere Inhalte: Die EU-Kommission knöpft sich TikTok vor! Nach vorläufiger Einschätzung verstößt die chinesische Plattform mit ihrem Empfehlungssystem gegen den europäischen Digital Services Act, das EU-Gesetz für digitale Dienste.
Der Vorwurf aus Brüssel: Der Algorithmus könne Nutzer regelrecht in einen digitalen Strudel ziehen und psychische Probleme verschärfen. Wer sich Videos über Traurigkeit, Einsamkeit, Abnehmen oder das eigene Körperbild ansieht, bekommt immer mehr ähnliche Inhalte vorgeschlagen. Die EU spricht vom „Rabbit-Hole“-Effekt, dem Kaninchenbau, aus dem Nutzer immer schwerer herausfinden.
Die Folgen können dramatisch sein: Nach Einschätzung der Kommission kann die ständige Wiederholung von problematischen Inhalten Angst, Traurigkeit und Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper verstärken. Auch Essstörungen und andere psychische Probleme können sich verschlimmern. Besonders gefährdet: Minderjährige und verletzliche Erwachsene.
EU-Techkommissarin Henna Virkkunen warnt: „Jedes Mal, wenn ein Nutzer scrollt oder ein Video auf TikTok mit ‚Gefällt mir‘ markiert, liefert der Algorithmus mehr vom Gleichen und führt die Nutzer in Kaninchenlöcher, aus denen sie nicht so leicht wieder herauskommen.“ Brüssel verlangt deshalb tiefgreifende Änderungen an der „For You“-Seite. Nutzer sollen stärker selbst bestimmen können, was ihnen angezeigt wird. Schon im Februar hatte die Kommission unter anderem das hochpersonalisierte Empfehlungssystem als möglichen Sucht-Treiber angeprangert.
TikTok birgt noch eine andere Gefahr
Die Plattform gehört zum chinesischen Konzern ByteDance. Damit steht seit Jahren die Frage im Raum, wie sicher die riesigen Datenmengen der Nutzer vor möglichem Zugriff aus China sind. Die Sorge westlicher Regierungen richtet sich darauf, dass chinesische Gesetze Unternehmen unter bestimmten Voraussetzungen zur Zusammenarbeit mit staatlichen Sicherheitsbehörden verpflichten können.
Für eine Plattform, die millionenfach weiß, was Menschen anschauen, suchen und mögen, ist das ein geopolitisches Risiko. Für TikTok kann es nun teuer werden: Bestätigen sich die Vorwürfe der Kommission, droht nach dem DSA ein Bußgeld von bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.