Die Beliebtheit von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat den nächsten Tiefpunkt erreicht. Laut ARD-Deutschlandtrend von Infratest Dimap aus dem Oktober sind lediglich zehn Prozent der Bundesbürger zufrieden mit der Arbeit des 70‑Jährigen. Nie waren die Werte eines deutschen Bundeskanzlers in dem seit Herbst 1997 erscheinenden Stimmungsbarometer schlechter. Als Unterstützer hat sich nun Tim Höttges geoutet, der Vorstandschef der Deutschen Telekom. „Ich bin ein ganz großer Fan von Friedrich Merz“, sagte der Manager vor der Wirtschaftspublizistischen Vereinigung Düsseldorf (WPV).
Erst kürzlich hat Höttges den Kanzler auf dessen Asien-Reise nach Singapur, Japan und Südkorea begleitet, als Teil einer gut 30-köpfigen Wirtschaftsdelegation. „Ich fand es großartig, wie er unser Land repräsentiert hat“, schwärmt Höttges. Lobende Worte fand er zudem für eine Merz-Rede in der koreanischen Hauptstadt Seoul, bei der er unter anderem für den Aufbau einer „globalen politischen Allianz für regelgebundenen Handel“ geworben hat.
„Ich fand das so intelligent, was er da gesagt hat“, so Höttges, „wie wir Alternativen schaffen sollen, um mit entsprechenden protektionistischen Maßnahmen von bestimmten Ländern umzugehen, Allianzen zu schmieden mit anderen Ländern gegen monopolisierende Staaten, die mit Steuern oder Zöllen respektive mit der Limitierung von seltenen Erden agieren.“
Wobei Deutschland und Europa dabei nicht verpassen dürfen, sich weiterzuentwickeln und ihre Industrie mit den passenden Rahmenbedingungen zu stärken, warnt Höttges. „Denn nur wenn wir innovativ sind, wenn wir wettbewerbsfähige Produkte haben, wenn wir im Weltmarkt konkurrenzfähig sind, dann kaufen uns die Leute auch. Aber wenn wir das nicht sind, können wir die tollsten Handelsabkommen haben und werden trotzdem nichts verkaufen.“
Diese Wettbewerbsfähigkeit hängt nach Ansicht von Höttges am Thema Wirtschaftspolitik, aber auch an mehr Zusammenarbeit der deutschen und europäischen Industrie untereinander. „Wir vergleichen uns immer mit uns selbst, anstatt zu sehen, was draußen passiert. Und dann sind wir überrascht, wenn auf einmal ein Elektroauto da steht, was die Hälfte kostet und deutlich besser ist als die Fahrzeuge der deutschen Automobilindustrie.“ Und das passiere mittlerweile in einer Industrie nach der nächsten. „Da wird mir manchmal Angst und Bange.“
Den Grund sieht der Manager auch in einer Art Überheblichkeit. „Wir sind einfach selbstgefällig. Wir meinen, wir haben hier den Erfolg gepachtet.“ Daher sei es wichtig, aus der eigenen Bubble rauszukommen und zu sehen, mit welcher Geschwindigkeit andere Länder Forschung, Entwicklung und damit ihre eigene Wirtschaft vorantreiben.
„Wir brauchen eine Deutschland AG 2.0“
Und das passiert nach Höttges Wahrnehmung viel über Zusammenarbeit und Ökosysteme, bei denen Unternehmern und Institutionen verschiedener Branchen miteinander kollaborieren und dann vom Staat als Anschubhilfe beispielsweise Aufträge bekommen, damit neue Systeme auch skalieren können. In Deutschland und Europa wiederum fehle das vielfach. Zumal es Berührungsängste gebe. „Wir haben keine Solidarität untereinander – weil wir immer nur den komparativen Kostenvorteil sehen.“
Höttges Lösung fürs eigene Land ist eine Idee aus der Vergangenheit. „Wir brauchen eine Deutschland AG 2.0.“ Diese Überzeugung habe er von der Asien-Reise mit dem Kanzler mitgenommen. „Was wäre, wenn deutsche Großkonzerne mit Mittelstand, Wissenschaft und Politik konsequent gemeinsam an Innovationen, technologischer Stärke und Wertschöpfung arbeiten würden“, schreibt Höttges auch bei der Plattform LinkedIn. „Und was wäre, wenn wir seltener fragen, wer Feind und Freund ist, und dafür häufiger zusammen pragmatischer und geschäftsorientierter denken?“ Wirtschaft, Wissenschaft und Politik müssten zusammen die Ärmel hochkrempeln. Die Telekom jedenfalls stehe bereit.
Höttges denkt dabei zum Beispiel an das Thema Rechenzentren. „Da sind wir in Deutschland so was von hinterher“, warnte der Manager vor der WPV. Südkorea investiere gerade eine Billion Dollar in diese Art von Infrastruktur und auch bei den Amerikanern seien es Hunderte Milliarden. „Da sieht man, was das für eine Wette ist, die da momentan abläuft. Und wir dürfen uns dieser Wette nicht entziehen. Wir müssen da mit rein. Wir müssen Kontrolle darüber kriegen, dass wir unsere Daten auch zukünftig noch entsprechend nutzen und verwerten können.“
Rechenzentren und KI seien elementar, deswegen müsse Deutschland dort kräftig investieren. „Weil unsere Industrie braucht diese Digitalisierung, braucht diese KI-Modelle, digitale Zwillinge, Time-to-Market, diese Simulationsmodelle, Forschung und Entwicklung. Wir brauchen diese großen Datacenter-Architekturen mit KI, um die Produktivität der nächsten Generation zu produzieren.“
Die Telekom selbst hat in München zusammen mit Nvidia und Polarise eine KI-Fabrik aufgebaut, die sogenannte „Industrial AI Cloud“. Dort stehen Rechen- und Speicherressourcen zur Verfügung, die von Unternehmen, Forschungseinrichtungen sowie dem öffentlichen Sektor für KI-Anwendungen genutzt werden können. „Wir beweisen hier, dass Europa KI kann“, hatte Höttges bei der Eröffnung im Februar gesagt.
Dieser Artikel wurde für WELT und „Business Insider Deutschland“ geschrieben.
Carsten Dierig ist Wirtschaftsredakteur in Düsseldorf. Er berichtet über Handel und Konsumgüter, den Maschinenbau und die Stahlindustrie sowie über Mittelstandsunternehmen. Er ist stellv. Vorsitzender des Vorstand der Wirtschaftspublizistische Vereinigung Düsseldorf (WPV), wo Telekom-Chef Höttges zu Gast war.