Berlin – Der CSD-Attentäter Abdul Ballout (21) tötet mit einem Miettransporter eine Frau und verletzt 31 weitere Opfer im Berliner Tiergarten. Im Fahrzeug findet die Polizei sein Handy – mit einem Video, in dem er sich zur Terrororganisation Islamischer Staat (IS) bekennt. Der Deutsche mit libanesischen Wurzeln soll sich bei TikTok radikalisiert haben.
BILD recherchiert investigativ auf der Social-Media-Plattform. Bei der Suche nach Ballouts Spuren im Netz stoßen die Reporter auf Live-Streams mit Teilnehmern, die sich sehr jung anhören. Keiner macht seine Handykamera an. Stattdessen sind Profilbilder mit Animes und arabischen Schriftzeichen zu sehen.
Ballout wird bei TikTok verherrlicht
Nach wenigen Minuten sprechen Teilnehmer über den Anschlag auf den Christopher Street Day. Einer der Männer sagt über Abdul Ballout: „Bei Allah, der ist ein Mann, ich schwör auf Koran. Möge Allah ihm die höchste Stufe im Paradies geben. (...) Natürlich sind wir froh, dass der tot ist. Hamdullilah Bruder, besser als im Gefängnis zu verrecken.“
Danach erzählt ein Teilnehmer, dass er in den Schulferien gerne zu Hause eine Party veranstalten möchte. Ein weiterer sagt: „Komm, lass ma am REWE treffen.“
Auch im zweiten Live-Stream wird der Attentäter verherrlicht. Ein junger Mann erklärt: „Bei Allah, der ist ein Schahid.“ Der Begriff „Schahid“ stammt aus dem Arabischen und bedeutet „Märtyrer“. Islamistische Terrororganisationen verwenden ihn häufig, um Attentäter als Glaubenshelden zu verklären.
Schussgeräusche, Märtyrer, Ungläubige
In einem weiteren verstörenden Gespräch wird diskutiert, ob Muslime eine Kirche betreten dürften. Ein Teilnehmer sagt, er würde „da gar nicht reingehen“. Ein anderer entgegnet: „Auch nicht für… (Stille), nein, nein, ich sag es nicht hier.“ Darauf folgt: „Bruder bei Allah für das, ich schwör auf Koran, für das würde ich das machen. Bei Allah Bruder ich würde direkt“ – anschließend sind Schussgeräusche zu hören, die einer der Männer imitiert. Danach sagt ein weiterer Teilnehmer: „Wallah wer das macht und dabei stirbt, ist ein Schahid.“
Bereits an anderer Stelle fällt eine weitere bedrohliche Aussage: „Wallah, wenn ich irgendwann einen Plan vorhabe, dann inshallah werden deren Familien auch da drin sein.“ Ein anderer Teilnehmer unterbricht ihn sofort: „Bruder nicht hier im Live.“
Immer wieder fällt außerdem der Begriff „Kufr“. Das arabische Wort bezeichnet Unglauben oder die Ablehnung eines anderen Glaubens. Ein Teilnehmer erklärt: „Wenn jemand Geld ausgibt, um Werbung für Kufr zu machen – zum Beispiel Plakate für Bundestagswahlen oder er weiß, es wird aufgerufen zur Gleichberechtigung von allen Religionen – dann ist er ein Kafir (Ungläubiger).“
Auch antisemitische Aussagen bleiben in den Livestreams nicht aus. Einer der Teilnehmer fragt: „Wie steht ihr zu Hitler?“ Ein anderer antwortet: „Hitler hätte der mehr Juden getötet…“ Ein weiterer ergänzt: „Aber das Ding ist, der hat doch gar keine gekillt.“
Die Unterhaltungen dauern Stunden. Als Teilnehmer die Profile der Reporter entdecken, werden die Journalisten blockiert.
So schätzt der Experte die Unterhaltungen ein
BILD fragte den Experten Thomas Mücke (68, Geschäftsführer des Violence Prevention Network), der auch Abdul Ballout deradikalisieren sollte: Wer unterhält sich hier? Seine Antwort ist eindeutig: Mücke glaubt nicht, dass sich dort nur Kinder unterhalten, sondern auch Islamisten im Chat unterwegs sind. Der Experte: „Das Problem ist, diese extremistischen Rekrutierer holen diese jungen Menschen in Alltagsfragen ab. Man versucht, diesen jungen Menschen ein Wir-Gefühl, ein Identitätsangebot zu geben. Und eine Handlungssicherheit, wie sie sich zu verhalten haben.“
Der Experte glaubt, die Gefährdung der meist jungen Stream-Teilnehmer ließe sich nur mit einer Alterseinschränkung für die App lösen, damit Kinder unter 16 Jahren sich dort nicht bewegen können. Denn: „TikTok nimmt schon wahr, was da gesprochen wird. Die wollen bloß nicht an ihre Algorithmen ran, weil das ein Geschäftsmodell ist. Das sind ja Konzerne, die wollen Geld verdienen. “