Kultur

Warum die Etrusker besser lebten als die Griechen und Römer

Warum die Etrusker besser lebten als die Griechen und Römer

Denken wir an die Antike, denken wir an Griechen und Römer. Doch noch eine dritte Zivilisation beherrschte das Mittelmeer: die etruskische – und sie war hedonistischer und geheimnisvoller als die beiden anderen, an die sich alle aus der Schule erinnern.

Griechen? „Helden und Philosophen“. Römer? „Juristen und Soldaten“. Doch die Etrusker: „Optimisten und Hedonisten“. Auf diesen augenzwinkernden Dreiklang bringt es Yvonne Schmuhl, die Kuratorin der Ausstellung „Die Etrusker. Götter, Gräber und Gelage“, die bis Ende März 2027 in Chemnitz zu sehen ist.

Was haben die Etrusker in Sachsen verloren? Gibt es dort etwa antike Spuren, von denen man bis dato nichts wusste? Falsche Frage. Deutsche Fans etruskischer Kultur wissen schon lange, dass man hierzulande stets an ausgewählte Orte pilgern muss, um alle Jubeljahre etwas von dieser faszinierenden, vorrömischen Hochkultur zu Gesicht zu bekommen. Denn die hochkarätigen Sammlungen mit ihren antiken Schätzen sind allesamt in Italien beheimatet: in Volterra, Florenz oder Rom. Umso schöner, wenn mal wieder eine Schau in Deutschland gastiert wie 2010 in Hamburg, 2018 in Karlsruhe oder aktuell im Chemnitzer Landesmuseum für Archäologie (SMAC), einem der modernsten Präsentationsorte für Altertumskunde in Deutschland.

Die Etrusker sind älter als die Römer. Sie entfalteten ihre Zivilisation zwischen dem 8. und dem 1. Jahrhundert vor Christus in Mittelitalien. Sie wurden von den Römern Tusci und von den Griechen Tyrrhenoi genannt – zwei Bezeichnungen, die sich in den Begriffen Toskana und Tyrrhenisches Meer bis heute erhalten haben.

Die Etrusker waren große Seefahrer und begehrte Rohstofflieferanten. Beides erklärt, warum sie florierenden Handel mit allen Mittelmeeranrainern treiben konnten. Dass die Etrusker alles einkaufen konnten, was Prestige hatte, lag an ihrem Zugang zu Eisenerz – und ihren Kenntnissen in der Eisenverarbeitung. Die vor der Küste der Toskana gelegene Insel Elba nannten noch die Römer Ilva („Eisen“), der dortige „Eisenhafen“ heißt auf Italienisch bis heute so: Portoferraio.

In der Eisenzeit (ab circa 1000 vor Christus) waren etruskische Metalle zur Herstellung von Waffen und Werkzeugen im ganzen Mittelmeerraum gefragt. Der Handel mit Rohstoffen brachte den Reichtum nach Mittelitalien. Und der ist in Chemnitz mit anschaulichen Exponaten zu bestaunen, etwa Schmuck: Gold, das die Etrusker importierten, wussten sie mit ihrer High-End-Granulations- und Filigrantechnik zu veredeln.

Einsichten in Grabkammern und Grabbeigaben erzählen aber noch viel mehr über etruskische Lebensart, Stichwort Hedonismus und Optimismus. Der Wohlstand durch Handel ermöglichte den Hedonismus. Und auch der Optimismus hing mit dem Hedonismus zusammen. Denn nur wer genug zu opfern hat, kann den Heilgöttern originell opfern.

Die Etrusker glaubten an ein gutes Leben nach dem Tod. Etruskische Grabbeigaben nehmen sich aus wie ein Ersatzteillager für schwächelnde Organe oder Körperteile. Neben Augen- oder Beinprothesen aus Keramik waren Penis- und Uterusvotive gefragt – die perfekten Opfer, um Götter gegen Unfruchtbarkeit gewogen zu halten.

Die Ausstellung ist in fünf thematische Bereiche gegliedert und nirgends überladen: keine übervollen Vitrinen, keine Ausstellungstexte, die besser Bücher geworden wären. Stattdessen laden Videoprojektionen erst einmal in die wunderschöne Landschaft von Etrurien ein – mit Hotspots wie Populonia, Vetulonia, Vulci, Volterra. Mit dieser sanften Vermittlung bleibt der Blick frei für wirkliche Höhepunkte und Aha-Erlebnisse, etwa die drei etruskischen Methoden, den Willen der Götter zu lesen.

Methode 1: den Vogelflug mit seinen Formationen deuten. Methode 2: die Blitzlehre. Es gibt, wie Kuratorin Schmuhl betont, kein einziges etruskisches Zeugnis, in dem das nachzulesen wäre. Die letzten Schriften aus etruskischer Zeit hatten die Römer in den Händen, und vieles, was wir heute über die Etrusker wissen, ist römisch gefärbt. So hat sich etwa Seneca über die Blitzlehre wie folgt ausgelassen:

„Wir [Römer] glauben, dass Blitze entstehen, weil Wolken zusammenprallen; sie [die Etrusker] glauben, dass die Wolken zusammenprallen, um Blitze zu erzeugen. Da sie nämlich alles der Gottheit zuschreiben, sind sie der Ansicht, dass die Dinge nicht Bedeutung haben, weil sie geschehen, sondern dass sie geschehen, weil sie eine Bedeutung haben.“ Mit anderen Worten: Die Etrusker gingen mit Hermeneutik-Brille durch die Welt, während die Römer sich zu Urahnen der MINT-Fächer erklären.

Die etruskische Methode Nr. 3, Götter zu verstehen, ist auf dem Urnendeckel eines Priesters zu sehen: eine Schafsleber mit deutlich erkennbarer Gallenblase. Tierorgane lesen und ihre Erscheinungsform als Götterwillen deuten, war religiöser Volkssport wie anderswo das Handorakel.

Fast alles, was wir heute an etruskischen Überbleibseln sehen, stammt aus Nekropolen – Totenstätten. Oberirdische Behausungen (meist aus Lehm und Fachwerk) haben sich nicht erhalten, dafür umso mehr Gräber – und Grabbeigaben. Manche Urnen hatten die Form eines Hauses, andere die Form eines Männleins oder Weibleins. Mit der Mär von der angeblich gleichberechtigten etruskischen Frau räumt Kuratorin Schmuhl auf: Wie in allen anderen Kulturen wurden in etruskischen Gräbern für Männer primär Waffenattribute gefunden, bei Frauen hingegen Beigaben, die Haut- und Körperpflege oder Textilien repräsentieren.

Im Ausstellungstrakt über etruskische Einflüsse in der römischen Kultur wird manches geradegerückt. Die Stadt Rom wurde bis 510 vor Christus von etruskischen Königen regiert. Die Etrusker und nicht „die Römer“ haben die Kanalisation (Cloaca Maxima) erfunden, ebenso die Toga als Kleidungsstück. Weil die etruskische Überlieferung fast vollständig in der römischen aufgegangen war, wird vieles bis heute als Errungenschaft der Römer erinnert. Allerdings beherrschten die Etrusker nie ein zusammenhängendes Gebiet wie das Imperium Romanum, sondern ihre Zivilisation erstreckte sich auf lauter kleine Stadtstaaten.

Die Chemnitzer Schau lässt nichts zu wünschen übrig und bietet namentlich denjenigen Besuchern, die noch wenig über die Etrusker wissen, einen idealen Einstieg ins Universum dieser antiken Hochkultur. Der einzige Aspekt, den die von einer italienischen Agentur konzipierte Ausstellung, die so ähnlich auch schon in Seoul/Südkorea, Nîmes/Frankreich und Alicante/Spanien gezeigt wurde, für Chemnitz noch spezifischer hätte aufbereiten können, ist die Sache mit den Rohstoffen.

An Metallen kommen in den etruskischen Stammlanden Eisen, Kupfer, Zinn und Zink sowie Blei und Silber in größeren Mengen vor. Wie insbesondere das Eisen ab 400 vor Christus in antiken Schmelzöfen auf Elba industriell produziert wurde, hätte in Sachsen sicher interessiert, denn mit Bergwerken und Verhüttung kennen sich Erzgebirgler so gut aus wie Etrusker.

Die Ausstellung „Die Etrusker. Götter, Gräber und Gelage“ läuft bis 29.3.2027 im Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz (SMAC). Das Begleitbuch kostet 12,90 Euro.

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