Mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit schafft es eine ganz normale Banane in die Medien. Es ist die Banane, die der italienische Künstler Maurizio Cattelan erstmals 2019 mit einem Streifen Gaffer-Tape an die Wand klebte und in ein Stück Kunst verwandelte. Seit Marcel Duchamp aus Alltagsgegenständen künstlerische Readymades machte, gehören solche dadaistischen Umwidmungen zum festen Inventar der Moderne.
100 Jahre später eine Banane mit Kunstvorwand an die Wand zu pappen, ist zwar weder revolutionär noch avantgardistisch, aber man kann sich – vor allem im Fall Cattelan – sicher sein, dass es irgendjemanden zuverlässig triggert: Mal wird die Banane auf einer Kunstmesse für 120.000 Dollar verkauft, dann wird sie in einer Ausstellung abgerissen und aufgegessen. Mal wird die Banane bei einer Auktion für 6,2 Millionen Euro versteigert und dann vom Eigentümer verspeist. Jetzt ist die Banane aus dem Centre Pompidou in Metz geklaut worden.
Das ist als strafbare Handlung selbstverständlich zu verfolgen und zu verurteilen!
Kunstsachdienliche Aufklärung tut allerdings not: Gestohlen wurde hier lediglich eine handelsübliche Banane, nicht das Kunstwerk selbst. Letzteres besteht eigentlich in einem Schriftstück und in präzisen Anweisungen, die den Eigentümer beziehungsweise Besitzer dazu ermächtigen, nach den Vorgaben des Künstlers eine Banane mit Klebeband an der Wand zu befestigen.
„Der Wert des Kunstwerks liegt in seinem Echtheitszertifikat und in den Vorschriften für seine Präsentation und nicht in seinem vergänglichen Bestandteil“, verlautbarte die Kommunikationsabteilung des Museums nach dem Diebstahl. „Gemäß dem für dieses Werk vorgesehenen Protokoll wurde kein irreversibler Schaden festgestellt. Der vergängliche Bestandteil des Werks wurde so schnell wie möglich wieder in seinen ursprünglichen Zustand versetzt.“ Die Banane wird ohnehin alle paar Tage schon aus hygienischen Gründen ausgetauscht.
Wer das Risiko der Strafverfolgung wegen schweren Diebstahls und räuberischer Erpressung auf sich nehmen will, wendet sich besser riesigen Goldmünzen (Bode-Museum/Berlin) oder Kronjuwelen (Grünes Gewölbe/Dresden, Louvre/Paris) zu. Bei der Cattelan’schen Kunstbanane ist der materielle Schaden gering, der Wiederverkaufswert gleich null; der Dieb kann dennoch nicht damit rechnen, mit Mundraub davonzukommen.
Wir möchten an dieser Stelle auch keinesfalls zum Bananenklau im Supermarkt aufrufen!
Groß dagegen ist der Imageschaden: Schon wieder haben in einem Museum offensichtlich die Sicherheitsvorkehrungen nicht genügt, um Missetäter unerkannt an die Kunst zu lassen. Gewonnen hat am Ende wieder einmal der Künstler, dessen „Werk“ nicht nur nicht aus einer Banane besteht, sondern aus zuverlässig reproduzierbarer Aufregung. Man darf davon ausgehen, dass Maurizio Cattelan das in seinem Readymade von Anfang an eingepreist hat: Es heißt nicht umsonst „Comedian“.