Politica

„Masowka“-Taktik des Kreml: Putins inszenierte Begegnungen enthüllt

„Masowka“-Taktik des Kreml: Putins inszenierte Begegnungen enthüllt
TTS-Player überspringenArtikel weiterlesen

Berlin/Moskau – In der Welt von Kreml-Diktator Wladimir Putin (73) bleibt nichts dem Zufall überlassen – nicht einmal ein Selfie. Ein schnelles Foto am Rande eines Grab-Besuchs, ein kurzer Austausch mit Bürgern, ein Gespräch auf der Straße? Diese Begegnungen passieren nicht zufällig, sondern sind sorgfältig vorbereitet. In Russland gibt es dafür ein eigenes Wort: „Masowka“ – ein inszenierter Kurzauftritt, bei dem Teilnehmer nur als lebende Kulissen gebraucht werden.

Die italienische Tageszeitung „Corriere della Sera“ berichtet jetzt ausführlich über die Inszenierungen. Und in diesen Fällen gab es einen „Masowka“:

Anscheinend zufälliges Treffen

Vor Kurzem veröffentlichte der Kreml ein Video aus einem Moskauer Hotel. Putin trifft seine alte Lehrerin Vera Gurevich und redet scheinbar zufällig mit einem kahlköpfigen Mann. Laut Andrei Soldatov, Leiter der investigativen Website „Agentstvo“, ist es kein Unbekannter: Der Mann heißt Aleksandr Bazarnyj und war früher Angestellter Putins.

Im März 2023 reiste Putin nach Mariupol, in die vom Krieg gezeichnete ukrainische Stadt, die von russischen Streitkräften besetzt ist. Das Staatsfernsehen zeigt, wie Putin scheinbar dankbare Bewohner begrüßt. Doch eine Frau ruft aus der Ferne: „Alles nur Fälschung! Alles nur für die Show!“ In späteren Versionen des Videos fehlt diese Szene.

Verbindungen zum Kreml

Im November 2022 sorgte ein Treffen mit vermeintlichen Soldatenmüttern für Kritik. Damals warfen viele russische Mütter dem Kreml vor, ihre an die Front geschickten Söhne im Stich zu lassen. Doch: Die Frauen, die eingeladen worden waren, hatten Verbindungen zum Kreml. „Vielleicht haben einige von ihnen tatsächlich Kinder an der Front, doch diese Frauen gehören zum inneren Zirkel des Kremls“, sagt der ukrainische Journalist Ivan Maguryak, der das Treffen recherchiert hat.

Februar 2020: Putin hat Blumen am Grab von Anatoli Sobtschak niedergelegt, seinem politischen Mentor. Bürger stehen Spalier. Eine junge Frau mit aufgespritzten Lippen macht ein Selfie mit dem Präsidenten. Sie heißt Aleksandra Baidikowa, leitet eines der Webportale, die mit Jewgeni Prigoschin in Verbindung stehen – er ist Gründer der Wagner-Gruppe und damals ein Verbündeter Putins.

Kursk-Katastrophe veränderte Putins Auftritte

Der Hang zur Inszenierung hat eine Vorgeschichte. 2000 sank das U-Boot „Kursk“. Angehörige der toten Matrosen stellten den damals jungen Präsidenten Putin wütend zur Rede. Der Kreml zog daraus offenbar eine Lehre: Putin sollte nie wieder ungeschützt vor eine unberechenbare Öffentlichkeit treten. Seitdem sind Begegnungen mit Bürgern durchgeplant. Auch der Personenschutz wurde immer weiter verschärft. Laut Geheimdienstberichten fürchtet der Präsident ein Attentat.

Potresti esserti perso