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Seine Pronomen sind He-Man

Seine Pronomen sind He-Man

So, so, jetzt also „Barbie“ für Kerle? Mattel will es wissen und treibt das nächste Achtzigerjahre-Kinderspielzeug durch die Kinomanege. Die Konkurrenz war schließlich auch nicht müde. Nach „Transformers“, „G.I. Joe“, dem „Lego Movie“ und sogar dem maritimen Brettspiel „Battleship“ ist nun „Masters of the Universe“ an der Reihe. Als Inspiration mag ferner „Stranger Things“ Pate gestanden haben. Der Mythos um He-Man war immer schon ein kleiner Cousin der damals so populären Rollenspiele, sozusagen „Dungeons and Dragons“ für Zehnjährige, denen man noch nicht mit ellenlangen Regelbüchern kommen konnte und die es dafür umso mehr schätzten, wenn man einer Figur den Hals lang ziehen konnte. Hollywood wagt einmal mehr die Zeitreise in lange nicht mehr aufgeräumte Kinderzimmer, um die letzten Markenreste zusammenzukratzen.

Doch der Vergleich mit der großen Schwester „Barbie“ hinkt. Die Blondine war zwar auch nicht aus Fleisch und Blut, stand aber immerhin mit ihren beiden langen Beinen mitten im Leben – und nicht in irgendeiner eskapistischen Fantasy-Welt. So konnte sie sich ihrer grotesk idealisierten Perfektionshülle zum Trotz als gesellschaftlicher Sprengsatz im grellen Plastikgehäuse erweisen, als Steilvorlage für feministische Emanzipationsgeschichten und den Kampf der Geschlechter. Bei He-Man, obwohl optisch barbieblondiert, fehlt dieser doppelte Boden fast völlig. Er treibt keine potenziell superclevere Diskursmaschine an, sondern ist der wacker-bescheuerte Prinz Eisenherz in einem verschallerten Muskelmärchen. Das Universum, dem er entstammt, ist ungleich alberner, oberflächlicher, bestenfalls ein zusammengestümpertes Allerlei aus Burgen, Bestien, Barbaren, Laserpistolen und Zauberei: „Conan“ für Kinder, „Star Wars“ in Hot Pants, die Ritter der Tafelrunde als Actionfiguren.

Die Familienaufstellung sieht traditionell so aus: Prinz Adam, ein verweichlichter Königssohn auf dem Planeten Eternia, verwandelt sich per magischem Schwertstreich und der Formel „By the Power of Grayskull!“ in den stärksten Mann des Universums, während sein phlegmatisches Kätzchen Cringer als gepanzerter Kampftiger Battle Cat aufersteht. Gemeinsam mit Leuten namens Teela, Man-At-Arms oder Fisto bekämpft er den Endgegner Skeletor, einen blauhäutigen Schurken mit Totenschädelgesicht und mieser Laune. Der belagert Castle Grayskull – eine Festung, die aussieht wie eine drittklassige Geisterbahn und wenn überhaupt, dann wie der angestammte Sitz des Bösewichts. Klar, dass der gleich einziehen will.

Dass aus diesem groben Stoff ein Blockbuster gehauen wurde, gleicht einem mittleren Wunder. Jahrelang begrabbelten die Finger wechselnder Regisseure und Autoren den ungeschlachten Drehbuchkörper; etliche Liter Hollywood-Schweiß wurden vergossen, bis Amazon MGM das Projekt übernahm und Travis Knight („Bumblebee“) auf den Regiestuhl setzte. Der Verdacht liegt nahe, hier werde bloß seelenlose IP-Verwertung betrieben.

Jared Leto in selbstironischer Bestform

Aber das Ergebnis überrascht positiv, also im Rahmen des Möglichen. Die Anfangsszene knallt ohne Umschweife los, nach Art eines Bond-Vorspanns auf Magic Mushrooms. Eternia strahlt in pastelligen Fantasy-Farben, als hätte Frank Frazetta an der Paintbrush-Pistole freie Hand gehabt: üppige Wälder, brennende Wüsten, darüber fliegende Inseln, wie ein gemeinsamer Fiebertraum von Jonathan Swift und James Cameron.

Während auf dem burgfriedlichen Raufplatz altmodische Macho-Männlichkeit regiert und der strenge Königsvater den kleinen Adam erniedrigt, bricht das wahre Böse herein. Unter dämonischem E-Gitarren-Gekreisch – es ist ein guter Tag für Hair Metal – legt Team Skeletor (Jared Leto in selbstironischer Bestform) alles in Schutt und Asche. Wobei dieser Unhold einen erstaunlich philanthropischen Sadismus pflegt: Er tötet nur, wenn es wirklich nicht anders geht. Sonst nimmt er lieber gefangen und füttert seine Feinde notfalls jahrzehntelang im Kerker durch. Die Guten sind da, wie üblich, weniger zimperlich.

Man will sich schon seufzend zurücklehnen. Droht hier ein tumber Prügel-Marathon wie weiland in der ersten Verfilmung mit Dolph Lundgren, der in ein paar Minuten ein kleines Cameo haben wird? Aber dann wechselt die Handlung auf die Erde. Und siehe da, durchs quantenphysikalkohöllische Wurmloch hat sich auch der Humor mitgebeamt.

Prinz Adam (Nicholas Galitzine) hat im intergalaktischen Exil sein Zauberschwert verlegt und fristet sein Dasein in einem kläglichen Nine-to-five-Job. Um ihn herum im Großraumbüro praktizieren die Kollegen fleißig Achtsamkeit und die miesestmögliche passive Aggressivität. Skeletor könnte hier einiges lernen; später trägt er tatsächlich Button-down-Hemd. Dates versemmelt der traumatisierte Exil-Prinz, indem er den Frauen ungefragt seine kosmische Herkunftsgeschichte auftischt. „Äh, ich muss mal rangehen“, sagen die Mädels dann, auch wenn das Telefon gar nicht geklingelt hat.

Schließlich spürt Adam das Schwert per Internet-Tipp in einem Rollenspiel-Laden auf, aktiviert irgendeinen universellen Alarm – und muss sich prompt mit einer Art Mischung aus King Kong und Säbelzahntiger herumschlagen. Die Rettung naht in Gestalt eines Amazon-Prime-Lieferwagens, der das Monster im Vorbeifahren zermalmt. Man könnte daraus ein Trinkspiel machen: Was kommt als nächstes, ein Meta-Gag oder ein Gitarrensolo? Zwischendurch beschleicht einen der Verdacht, es hätte die Achtziger-Hits hauptsächlich gegeben, um jetzt den He-Man-Soundtrack zu bestücken. In einer besonders crescendohaften Sequenz läuft selbstverständlich „Princes of the Universe“ von Queen. Die Eighties-Hommage-Band The Darkness hat zudem den Titeltrack „Eternia“ komponiert. Zum Gitarrensolo lud man auch dort, wen sonst, Queen-Gitarrist Brian May.

Als hätte Conan bei Victoria’s Secret geshoppt

Zurück auf seinem Heimatplaneten nutzt Adam die auf der Erde gelernten Soft Skills. Das sorgt für launige Momente des Camp, wozu auch sein Kostüm maßgeblich beiträgt: Bauchfrei, mit einer Art Brustpanzer-BH, sieht es aus, als hätte Conan der Barbar bei Victoria’s Secret geshoppt. Statt flott das Schwert zu schwingen, versucht es unser moderner He-Man bei seinen Feinden zunächst auf die Habermas-Tour: kommunikatives Handeln, herrschaftsfreier Diskurs, der zwanglose Zwang des besseren Arguments. Wie ein Namensschild an seinem irdischen Arbeitsplatz ausweist, lauten Adams Pronomen „he/him“. All die Wokeness verblüfft die Achtzigerjahre-Bösewichter. Er sei halt „ein Schurke“, versetzt Skeletor, der sich nicht auf den Psycho-Blödsinn einlassen will, er habe womöglich eine schwere Kindheit gehabt.

Auch ein paar Szenen zuvor liegt die metatextuelle Statik des ganzen Unternehmens offen zutage. Als Adam seine Mitstreiterin Teela entgeistert fragt, was eigentlich die Motivation hinter Skeletors Terrorakten sei, sagt sie trocken: „Er ist böse.“ Adam insistiert, das könne im Zeitalter des komplexen Prestige-TV doch nicht alles sein. Teela guckt ihn mitleidig an und sagt: „Der Typ hat einen Totenkopf als Gesicht.“ Das kann auch mal reichen als Figurenpsychologie.

Wer sich damit begnügt, wird dem Quatsch schon etwas abgewinnen. „Masters of the Universe“ ist eben nicht „Barbie“ auf Testosteron. Dafür fehlt ihm der gesellschaftliche Resonanzraum. Der Film weiß: Das Höchste der Gefühle liegt darin, seine eigene Lächerlichkeit auszustellen und zu ironisieren. Aber am Ende bleibt er an sein Ausgangsmaterial gekettet wie König und Königin an die schimmeligen Wände von Skeletors Verlies. Dekonstruktion gibt es nur, soweit sie sich auf Explosion reimt.

Das Ergebnis ist eine trashig-heitere Reanimation eines halb vergessenen Spielzeug-Universums, eine krude Mischung aus Fantasy, Science-Fiction und Muckibude. „Masters of the Universe“, der Kinofilm, simuliert in einem anonymen Hochleistungsrechner ganz okay und nicht mal komplett seelenlos ein Jungs-Kinderzimmer von 1985. Da ist es nichts Schlechtes, wenn ab und zu vergilbtes Gummi durch die digitale Kulisse scheint. Intellektuelle Kulturkämpfe muss hier keiner fürchten. Und eben auch nicht, dass das Unterfangen komplett in die Fellunterhose gegangen wäre.

„Masters of the Universe“ ist ab dem 4. Juni 2026 im Kino zu sehen.

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