Anholt (Dänemark) – Tasche für vier Tage gepackt. Drei Stunden Fähre. 130 Einwohner. Und am Strand ein toter Wal namens Timmy. So fängt die Geschichte an. Und eigentlich sollte sie auch genau so enden. Doch dann kam alles ganz anders.
BILD-Reporter Matthias Hornung (54) sitzt seit Tagen auf Anholt. Tobias Grabow (52) ist für die Nachrichtenagentur „News 5“ da. Die beiden kannten sich vorher nicht. Jetzt teilen sie denselben Strand, denselben Wal, dieselbe Stille. Von sieben Uhr morgens bis halb elf nachts. Immer mit der leisen Angst, genau den Moment zu verpassen, in dem endlich doch noch etwas passiert. Spoiler: Es passiert nichts. Und genau das macht den Reiz aus.
Irgendwann, wenn man lange genug auf denselben Kadaver schaut, kommt man ins Reden. Und irgendwann entsteht dieselbe Idee: Livestream an, Kamera weg vom Wal. Was dann passiert, hat der Künstler „mattipereira“ – der Knetfiguren der beiden im Muppet-Stil formt – auf den Namen „Matjes und Makrele“ getauft. Es ist der wohl ungewöhnlichste Talk der Republik. Jeden Abend ab acht, live auf YouTube, solange bis es dunkel wird – manchmal bis 23 Uhr. 11.000 Menschen schauen dann noch zu.
Nichts von dem, was sie tun, ist geplant
Das Handy steckt im Selfiestick. Mehr Technik braucht es nicht. Anfangs saßen die beiden in ihren Strandstühlen vor Timmy. Inzwischen nehmen sie die Zuschauer überallhin mit: Golfcart-Fahrten durch Schlaglöcher, Debatten über Treibsand auf der Piste vom Hafen zum Strand, die große Frage, wo man nach 20 Uhr noch was zu essen bekommt. Ein anderes Mal wollen sie zum Flughafen von Anholt. Geplant ist nichts davon. „Wir gehen einfach live“, sagt Hornung. Ein kurzes Update, was am Tag passiert ist – dann gehört die Sendung dem Chat.
„Wir können uns hervorragend die Bälle zuwerfen“, sagt Hornung. „Tobi ist eher der Ruhigere, der gerne plant, ich bin spontan und lasse alles auf mich zukommen. Diese Mischung mögen die Menschen offenbar, und plötzlich kamen auch viele Fragen abseits vom Wal.“ Mehr als 20 Jahre Erfahrung als Kameramann und Fotograf – und jetzt plaudern die beiden aus dem Nähkästchen, live, auf einer Insel, die der Rest der Welt vorher nicht auf dem Zettel hatte.
Vom Instagram-Nichts zum Wal-Fluencer: Hornung hatte vor dem Einsatz seit 15 Jahren einen Insta-Account – mit genau einem Post und 190 Followern. Innerhalb von vier Tagen: 13.000. Ein Fan-Club mit 1.000 Mitgliedern entsteht. Autogrammkarten werden gedruckt. „Eigentlich stehe ich hinter der Kamera und transportiere mit meiner Arbeit die Geschichten anderer“, sagt Hornung. „Jetzt selbst im Fokus zu stehen, ist eher ungewohnt.“
Ehefrau fiebert mit
Was ihn am meisten fasziniert, ist die direkte Rückkopplung. Als er seinen Zimmerschlüssel nicht findet und live wie wild zu suchen beginnt – schon überlegt er, ob er in den Dünen schlafen muss – meldet sich ein Zuschauer im Chat: Tobi hat den Schlüssel eingesteckt. „Das ist schon verrückt.“ Aus Stillstand werden kleine Dramen. Aus verlorenen Schlüsseln Cliffhanger. Zuhause fiebert Ehefrau Verena mit – von Eifersucht auf Timmy keine Spur. „Sie unterstützt mich total und weiß, dass ich die Geschichte gerne zu Ende erzählen möchte.“
Die Dänen bleiben gelassen. Kein Eingreifen, kein Drama. Nur der deutsche Hype schwappt rüber wie eine besonders aufgeregte Welle. Und Matthias Hornung und Tobias Grabow sitzen weiter da. Schauen auf einen Wal, über den es eigentlich nichts Neues zu sagen gibt – und erzählen genau das. Und plötzlich wollen alle zuhören.
Wer jetzt denkt, mit der Abreise ist Schluss, liegt falsch. „Wir haben schon viele Ideen“, sagt Hornung. „Bleibt gespannt.“ Timmy hat geschwiegen. Aber die zwei Typen vom Strand – die haben noch viel vor.