Deutsche Unternehmer treten nach Jahren der Zurückhaltung wegen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine erstmals wieder offiziell beim Wirtschaftsforum in St. Petersburg auf. »Nicht zuletzt für den Moment nach einem Waffenstillstand wollen wir wie andere große westliche Länder die wirtschaftliche Brücke nach Russland erhalten und die mehr als 100 Milliarden deutscher Vermögenswerte in Russland schützen«, sagt der Vorstandsvorsitzende der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer, Matthias Schepp, der Nachrichtenagentur dpa. US-amerikanische und französische Vertreter waren bereits seit letztem Jahr mit einem Business-Dialog präsent.
Schlepp zufolge solle der Westen »Russland, seinen großen Markt und seine Rohstoffe nicht auf Dauer Asien überlassen«. Allein chinesische Unternehmer hätten im ersten Quartal dieses Jahres 1.400 neue Unternehmen in Russland gegründet.
Das St. Petersburger Internationale Wirtschaftsforum (SPIEF) soll vom 3. bis 6. Juni stattfinden. Gastgeber ist der russische Präsident Wladimir Putin. Laut des Programms nehmen mehrere deutsche Unternehmer an dem Business-Dialog teil, darunter der in Russland tätige Unternehmer Stefan Dürr und der langjährige Globus-Manager Thomas Bruch.
Es gibt auch eine Veranstaltung zum Thema »Kultur als Brückenbauer in Krisenzeiten«. Daran nehmen nach Angaben der Organisatoren mehrere Deutsche teil, darunter der Dirigent Justus Frantz, der AfD-Vorsitzende und Landtagsabgeordnete aus Sachsen, Jörg Urban, der Berliner Verleger Holger Friedrich und der Filmemacher und Journalist Hubert Seipel.
Deutsch-russisches Handelsvolumen durch Sanktionen gesunken
Nach Angaben der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer sind etwa 1.600 deutsche Unternehmen weiterhin in Russland aktiv. Ihr Umsatz lag im vergangenen Jahr nach Berechnungen der Kammer bei etwa 20 Milliarden Euro.
Zugleich ist das deutsch-russische Handelsvolumen infolge westlicher Sanktionen deutlich gesunken: 2025 fiel es auf unter zehn Milliarden Euro. Bis zum Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine war Deutschland der größte europäische Handelspartner Russlands – mit einem Volumen von 59,7 Milliarden Euro 2021. Den Höhepunkt verzeichnete diese Partnerschaft im Jahr 2012 mit einem Volumen von 80 Milliarden Euro.
Deutsche Unternehmen wollen laut Geschäftsklima-Umfrage in Russland bleiben
Nach einer neuen Umfrage der Kammer unter ihren 750 Mitgliedern planen fast alle Unternehmen ihren Verbleib in Russland, weil sie den Markt für bedeutsam halten. 75 Prozent der 265 Teilnehmer der Befragung gaben an, mit der Entwicklung ihres Russlandgeschäfts zufrieden zu sein – trotz Millioneneinbußen durch die Sanktionen.
Zwei Drittel sind demnach überzeugt, dass die westlichen Sanktionen die russische Wirtschaft stark oder sehr stark beeinträchtigen. Gut ein Drittel der Unternehmen erklärten, dass die Maßnahmen Deutschland mehr schadeten als Russland. Mehr als die Hälfte sind laut Umfrage der Meinung, dass Deutschland und Russland gleichermaßen beeinträchtigt seien.
Auf die Frage »Sollte Deutschland wieder Gas und Öl aus Russland beziehen?« antworteten 65 Prozent mit »ja, je eher, desto besser« und 31 Prozent mit »ja, aber erst, nachdem die Waffen in der Ukraine schweigen«.