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Warum die Wiener Festwochen einknicken – und die Theaterblase einfach nichts dazulernt

Warum die Wiener Festwochen einknicken – und die Theaterblase einfach nichts dazulernt

Milo Rau macht seinem Ruf als lauteste Krawallnudel des deutschsprachigen Theaters wieder einmal alle Ehre. Was hat der „Provokationsvirtuose“, wie der Intendant der Wiener Festwochen in der österreichischen Presse betitelt wurde, dieses Mal ausgeheckt? Der 49-jährige Schweizer bestätigte, den umstrittenen Tech-Milliardär Peter Thiel nach Wien eingeladen zu haben, wie er bereits in Interviews (auch mit WELT) angedeutet hatte. Thiel ist Mitbegründer des berüchtigten Überwachungs-Start-ups Palantir und gilt als politischer Unterstützer von US-Präsident Donald Trump und seinem Vize J. D. Vance. Kein Wunder, dass sich gegen den Auftritt Protest regte, der Thiel als Vordenker des „Technofaschismus“ bezeichnete. Kurzerhand setzten die Festwochen eine öffentliche Diskussion an, bei der die Einladung kontrovers diskutiert wurde.

Wie solche Debatten ablaufen, ist inzwischen bestens bekannt. Erst vor wenigen Wochen schockte Rau in Hamburg mit seinem „Prozess gegen Deutschland“ die linksliberale Theaterblase, indem er ehemalige AfD-Politiker wie Frauke Petry oder „Bild“-Kolumnist Harald Martenstein auf die Bühne brachte. Schneller als man „Brandmauer“ sagen kann, ist das maximale Empörungslevel erreicht. Andere Teilnehmer verlangen die Ausladung der „Bösen“ oder drohen selbst mit Absage. Hauptsache, man hat sich heroisch hinter den abgefahrenen Zug geworfen, wie das der Schriftsteller Rayk Wieland einmal nannte. Das gleiche Spiel in Wien: So sagte zum Beispiel der französische Philosoph Geoffroy de Lagasnerie wegen Thiel öffentlich seine Teilnahme an dem Festival ab, weitere Gäste haben ebenfalls mit dem Schritt gedroht. Anhand der Reaktionen konnte man meinen, Rau hätte mit Thiel eine neofaschistische Propaganda-Show geplant. In Wahrheit war es eine kritische Diskussion, für die Thiel keine Gage bekommen hätte.

Warum nicht den zwischen Trumpismus und Technokratie, Posthumanismus und politischer Theologie irrlichternden Thiel auftreten lassen und sich für die Diskussion mit ein paar klugen Büchern wappnen anstatt nur auf Instagram rumzujammern? Zum Beispiel „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“ von Shoshana Zuboff, „Kybernetik und Kritik“ von Anna Verena-Nosthoff oder „Katechon: Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart“ von Volker Weiß. Dann hört man noch kurz in den Podcast „Die Peter-Thiel-Story“ rein, informiert sich über Thiels Kontakte zu Jeffrey Epstein oder macht einen Lesekreis zu dem Anarchopamphlet „Kybernetik und Revolte“, einem Klassiker der Technikkritik aus Frankreich. Und schon ist Thiel nicht mehr jener angsteinflößende Antichrist, von dem er selbst so gerne redet. Wie schwer kann das denn bitte sein? Sehr schwer, wie sich jetzt erneut gezeigt hat.

Das Cancel-Protokoll in der Causa Peter Thiel

In weiser Voraussicht hatte Rau für solche strittigen Fälle bei den Festwochen sogar ein Cancel-Protokoll eingeführt, das auch in der Causa Thiel befolgt wurde. Mit dem klaren Ergebnis, dass weder ein externes Beratungsgremium noch das Stimmungsbild bei der öffentlichen Debatte eine Absage nahelegten. Rau sagte die Veranstaltung trotzdem ab. „Nicht um jeden Preis“, heißt es in der Mitteilung der Festwochen. Sonst würden die Absagen das Festival in einem „untragbaren Umfang“ schwächen. Was dadurch aber vor allem geschwächt wird, ist das Verfahren, das sich jetzt als Papiertiger erwiesen hat. Der Versuch, die medial verstärkten Empörungsdynamiken der Cancel Culture in einem mehrstufigen Prozess institutionell einzufangen, ist damit offiziell gescheitert. Der Druck auf Rau wurde zu groß, die selbstgerechte Empörung hat triumphiert.

Rau darf dem verwunderten Publikum solcher realitätsfremden Donquichotterien nun erklären, was eigentlich auf der Hand liegt. Zum Beispiel, dass es im Theater doch auch darum gehen sollte, sich mit dem Bösen zu konfrontieren, weil es dort keine reale Macht hat, sondern zur Figur geschrumpft wird. Wer glaubt denn wirklich, dass ein Auftritt von Thiel oder eines AfD-Politikers das hyperkritische Theaterpublikum innerhalb weniger Minuten in überzeugte Demokratiefeinde verwandeln würde? Das grenzte an Zauberei – und tatsächlich muss man die Dämonisierungsstrategie linksliberaler Cancel-Freunde als tief im magischen Denken verhaftet bezeichnen. Doch moderne Gesellschaften sind keine Märchen mit bösen Zauberern, sondern ein Geflecht von Interessen, Identifikationen und Begehren, über das es im Theater aufzuklären gilt.

Dazu kommt das Alleroffensichtlichste: Das Canceln bringt einfach nichts oder führt im schlimmsten Fall sogar zum Gegenteil. „Hätte Deplatforming funktioniert, wäre die AfD jetzt nicht die stärkste Partei“, sagt auch Rau in einem seiner vielen Interviews. Solange dieser Punkt nicht begriffen wird, muss Rau nur eine umstrittene Figur nach der anderen einladen, um seinen Ruf als Provokateur zu festigen. Wer also langsam von der Masche genervt ist, darf nicht allein dem Festwochen-Intendanten einen Vorwurf machen, sondern muss vor allem über die politisch törichten Empörungsreflexe seines Publikums sprechen. Und müsste sich zudem fragen, ob die Attitüde aus Antifa-Poserei und „Unser Theaterdorf soll schöner werden“ eigentlich mehr Schaden anrichtet als nützt.

Thiel ist keine Krankheit, mit der man sich durch bloße Anwesenheit geistig infiziert. Thiel ist eher das Symptom einer kranken Welt. Wer aber Krankheiten heilen will, darf nicht vor dem Anblick der Symptome zurückschrecken. Klar, man muss Thiel nicht auftreten lassen, um all die Bücher zu lesen oder Podcasts zu hören. Aber man kennt doch seine Pappenheimer: Wenn das „Böse“ nicht wenigstens kurz an der gefühlten Wohnzimmertür klopft, passiert außer der üblichen Nabelschau wieder nichts. In der echten Welt sind Thiel und Big Tech auf dem Vormarsch, und zwar völlig unabhängig von irgendwelchen Kurzbesuchen bei der Theaterblase. Dass die Festwochen vor ihren eigenen Leuten eingeknickt sind, die nicht einmal mehr eine abgeschwächte Dosis zur geistigen Schutzimpfung ertragen können oder wollen, ist ein schlechtes Zeichen.

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